2015 – das 13. aDevantgarde-Festival steht vor der Tür!

September 2014, erst. Doch das Team um die Festivalleiter Johannes X. Schachtner und Alexander Strauch arbeitet fleissig an der Umsetzung der Ideen für das nächste Festival. Viel könnte man bereits ausplaudern, dennoch wird noch nicht viel verraten.

Der Zeitpunkt: 9. – 15. Juni 2015,

Motto: humus

Dahinter verbirgt sich die organische Bodensubstanz, auf der alles Lebendige gedeiht und darin seine Wurzeln schlägt. Wie in der Ökologie geht aus Vergangenem in der Kultur Neues hervor.

Heute ist die Neue Musik und ihre weitere Entwicklungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts selbst Vergangenheit geworden. Auf ihr gründet das Wesen der zeitgenössischen Musik, möchte sich allzu gerne immer mehr davon abnabeln und ist doch fest in ihr verankert. Die „Neue Musik“ ist also der Humus der sich erst allmählich selbst findenden Gegenwart der Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts.

Sonst? Abwarten! Nur noch dies: 6 Tage, 5 Orte, 8 Konzerte, 44 Werke, 100 Musiker… Bleibt uns auf den Fersen!

 

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Dogma.Antidogma – Buchstabensalat

Der Aufbau für DOGMA.ANTIDOGMA & SHOWOFF im Club Bob Beaman, 19:30 Uhr läuft. Hoffentlich gibt es derweil ich diesen Salat anmache dort keinen Kabelsalat…

Kombinationswörter         Rest

Tina Maggod               — doma

Mint Dog                    —- aAdogma

An „A“ Dogma             —- Mitdog

God damm                 —- Antioga

I am good                   —- Antdgma

an Dom, go I              —- Atdgma

Ti amo                        —- DogmaAndg

Andi mag Domtag      —- o

Dogmamontag           —- ida

Ida mag Montag         —- Do

I am a Dogma-Dog     —- t

Adam, I am not God   —- g

do ga ma nit, ma god —-

Von Essen nach München – Reisebericht einer Expedition von Gordon Kampe

München ist eigentlich nicht ganz aus der Welt, aber wegen Alexanders Frage nach einem Reisebericht fühlt sich’s nun wie eine Expedition an. München ist für mich Urlaub. Da machten wir früher auf dem Weg nach Tirol immer mal Halt. Wenn ein Berg nur in der Nähe ist, flippe ich förmlich aus. In meiner Heimatstadt gibt es nur den Gysenberg, der immerhin krasse 42 Meter hoch ist und auf dessen Gipfel ein Streichelzoo prangt.

Außerdem: Weißwürste. Ich liebe Weißwürste. Und auch wenn das schreckliche Touri-Verarsche ist und das kein Einheimischer je tut: Ich werde nachher auf dem Viktualienmarkt Weißwürste essen. – Mit dem Festival verbinde ich eine meiner ersten Aufführungen außerhalb des geschützten Hochschulrahmens: Ich durfte vor gefühlten 100 Jahren ein Lied zum Dichterlieben Zyklus (Thomas Berau und Moritz Eggert) beisteuern und habe vor der ersten Probe fast hyperventiliert. Dann erinnere ich mich noch sehr gerne an ein anderes aDevantgarde-Stück für alte Instrumente. Das war toll, glaube ich. Danach habe ich noch ein Kinderstück geschrieben – das ging schief. Ich hab’s versemmelt und der latent angezwitscherte Regisseur hatte dann auch noch ein paar Ideen. Ich muss da also etwas gutmachen in München…

Ich schreibe das hier im ICE zwischen Essen und Düsseldorf. Es ist erst 7:05h und ich musste mich vor 15 Minuten leider mit diesem Knilch beim Bäcker anlegen, der dauernd „wass’n noch, guter Mann?“ zu mir sagte, während ich Entscheidungen zu fällen hatte. Ich werde immer fuchtig, wenn ich vor dem ersten Kaffee schon angerappt werde. Vor ein paar Jahren hatte ich so einen Hilfshiphopper mal im Seminar. Es ging um frühe Mehrstimmigkeit. Sagt der Student mit Mütze: „Yo. Leonin und Perotin: die hatten voll den Score.“ Der Bruder konnte sich die Credits knicken. Yo. In der Woche drauf war „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ dran. Da hieß es dann: „Yo, seid Ihr alle im Hexenmood?“. Seitdem habe ich Vodoo-Puppen im Büro.

7:16h: Düsseldorf. Um politisch korrekt zu sein, muss man diese Schickimicki-Stadt doof finden. Finde ich natürlich auch. Aber es gibt hier tolle japanische Restaurants in der Nähe des Bahnhofs – und, fast noch besser, einen Koreaner: In das Bibimbap könnte man sich reinlegen, bekäme man von dieser roten Atomsoße nicht Verbrennungen dritten Grades.

7:41h: In Köln, der heiligen Stadt. Köln bekommt einen neuen Erzbischof, sein Name ist Ansgar Puff. Welcher Spaßverderber hat die Regel „no jokes with names“ aufgestellt? Als Freund unterirdischer Kalauer leide ich Höllenpein.

7:53h: Erster Höhepunkt des Tages: Der Krawattenheini, der was von Investment labert, hat sich sein Hemd inklusive Krawatte gerade komplett mit Kaffee besudelt. Herrlich. Jetzt schmollt der Ärmste, och. Wir sind noch im Rheinland – hier wirkt die Macht des neuen Papstes besonders stark.

8:36h: Frankfurt Flughafen. Fleckenkrawatte fragt seine Kollegin: „Was ist dein Objective für das Meeting heute?“ Wenn der so weitermacht, ist die Hose auch bald hin. Ansonsten: Stimmung im Wagen 27. Eine chinesische Reisegruppe hat soeben das Abteil geentert – Gott sei Dank funktioniert die Reservierungsanzeige nicht. So ist das viel lustiger.

9:40h: Viertelstunde Verspätung in Aschaffenburg und meine Frau, soeben erwacht, verspeist ihr Wurstcroissant. Unsere Ehe wird diesen kulinarischen Affront aushalten.

11:48h: Bis jetzt hat die chinesische Reisegruppe ein kollektives Nickerchen gemacht. Nun scheint der Herr mit dem Uhrzeitgähnen schräg gegenüber leicht verspannt zu sein. Seine Gemahlin eilt ihm zu Hilfe, entblößt seinen Oberkörper zu 38% und knetet ihn wild durch, während sich sein Uhrzeitgähnen zu einem kosmischen Grunzen verdichtet. Das erinnert mich schmerzhaft an den ersten Besuch bei meinen taiwanesischen Schwiegereltern. Schwiegervater lud mich zu einer Massage ein. Da Wellness voll mein Ding ist, willigte ich ein – nicht ahnend, dass das, was dort unter Massage verstanden wird, bei uns unter „Verprügeln“ firmiert. Plötzlich lag ich da und zwei ältere Herren (die angeblich noch persönlich gegen Mao gekämpft haben) liefen auf mir herum bis es knackte. Oh, hätte ich mein Aufnahmegerät dabei gehabt.

12:05h: Da ist ein Hopfenfeld! Irgendwas in mir will jodeln.

12:09h: Wir halten außerplanmäßig neben einem Rehgatter. Irgendwas in mir hat Hunger.

13:10h: Angekommen im Hotel. Diese Bildschirmfische machen mich fertig. Vor Beginn des Festivals jetzt noch ein bisschen Touri sein.

Nischenmusik und Klopfgeister von Gordon Kampe

Gordon Kampe hat seine Uraufführung „Nischenmusik mit Klopfgeistern“ am 22.6.13, 19:30 Uhr im Club Bob Beaman mit dem Decoder-Ensemble. Doch zuvor lässt er uns ganz privat in die Ecken seines Heimes blicken:

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Abb. 1

Beim Suchen nach Nischen in meiner Wohnung habe ich festgestellt, dass sich unbemerkt und direkt vor meinen Augen eine prächtige Nischentheorie entwickelt hat. Die genormt langweiligen Schwedenmöbel etwa, hinterlassen herrliche Nischen im dämlich geschnittenem Heim, die mit wirklich wichtigen Dingen gefüllt werden wollen, z. B. einem Massagekissen. Im Arbeitszimmer, an jenem unheimlichen Ort zwischen Gedöhnsablage und Schreibtischfuß, habe ich mein Theremin untergebracht. Vgl. dazu Abb. 1. (In anderen Nischen ahne ich Geld und Kekse.)

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Abb. 2

Wenn der Rahmen der Nische hingegen vor Schönheit nur so strotzt – vgl. dazu Abb. 2: Klavier und Bücher – dann kann die Nische auch mal leer bleiben. In Nischen kann also sehr viel Schönes stattfinden, wenn der Rahmen Mist ist. Deshalb fühlt man sich ja manchmal in der Nische auch so pudelwohl. Und gerade deshalb sollte keine Nische ohne Klopfgeister auskommen. Sie sind es, die in der Nische Unruhe stiften. Sie sind es auch, die aus der Nische herausragen. Geht man an der Nische vorbei, muss es schon ordentlich aus ihr klopfen, wenn sie wahrgenommen werden will. Sonst interessiert sich keine Sau dafür und sie wird entweder vollgerümpelt oder, noch schlimmer, von mobilen IKEA-Eingreiftruppen genormt und ent-nischt. Gordon Kampe

Sebastian Schwab bloggt für’s Festival I

Der jüngste Komponist des Festivals ist Sebastian Schwab, dessen Stück „Capriccio“ für Posaune und Violine/Klavier im Rahmen von „my favourite little dogma“ am 22.6.13, 17 Uhr, Bayerische Akademie der Schönen Künste erklingen wird. In mehreren kurzen Texten wird er seine Eindrücke vom Weg zum Stück, dessen Aufführung und das Festival im Gesamten berichten. Hier der erste:

Ein leeres Notenblatt, leere Notenzeilen…wunderschöne Sekunden für jeden Komponisten, die man genießen muss…bevor man seine Gedanken und Gefühle freilässt und die erste Note wagt. Von nun an muss man es sprudeln lassen und den Moment leben.

Irgendwann ist die Komposition fertiggestellt und man erwartet mit Vorfreude die erste Probe, wenn man mit anderen Musikern sein Innerstes in Klang verwandelt. Heute durfte ich diese spannende Situation aufs Neue erleben. Und jetzt kann ich es nicht mehr erwarten, meine Musik dem Publikum, Freunden und anderen Komponisten zu Gehör zu bringen. Sebastian Schwab

Freiheit und Geist, Entscheidung und Gebundenheit – eine Hommage an Sandeep Bhagwati von Alexander Strauch

Am Fr., 21.06.13, 19:30 Uhr, Allerheiligenhofkirche, ist Sandeep Bhwagwatis Uraufführung der erste Kristallisationspunkt des Festivals in AENIGMA et STUPOR mit Iris Lichtinger und Stefan Blum. Rätsel und Erstarrung mag die Musik des Abends sein, die Erinnerung und das Erlebnis dieser aus der Hand Sandeeps bedeutet für mich Wachheit und Klarsinn. Denke ich an Sandeep Bhagwati, sehe ich Gandalf vor dem inneren Auge. Sandeep ist für mich immer so etwas wie das ästhetischen Gewissen der A•DEvantgarde gewesen. Damals, das war Anfang der Neunziger Jahre, schrieb sich das jetzige aDevantgarde-Festival noch so. Das erste Festival hatte ich als Besucher erlebt, das zweite, eines der größten Festivals der aDevantgarde-Historie überhaupt, räumte mir Platz als einer der jüngsten Komponisten ein. Hierfür sei vor allem Sandeep gedankt, der nach Vermittlung einer gemeinsamen Freundin den Mut aufbrachte, mich in der Marathonnacht mit einem Trio zu präsentieren. Allerdings verschoben sich alle Zeiten brutalstmöglich in die Nacht hinein, so dass mein Stück letztlich ausserhalb des Festivals im Kaminzimmer der Musikhochschule lief. Dies war oder wäre auch mein einziger Auftritt als Instrumentalist auf unserem Festival gewesen. Immerhin waren wir kurzzeitig sogar noch Studienpartner, er im letzten Jahr der Meisterklasse, ich im ersten Jahr des Grundstudiums.

Das vereinfachte den Zugang zu Sandeep, mit ihm über Musik zu sprechen. Unser Lehrer von Bose analysierte mit uns Debussys „Pelléas et Mélisande“, um wohl zu zeigen, dass trotz all der fantastischen Neuerungen in Klang und Charakteregestaltung die Dramaturgie an sich dieses symbolistischen Stückes fragwürdig sei, da man niemals langweilen dürfe. Sandeep ergriff immer Partei für das Poetische im Dramatischen. Ich war da zwischen beiden Meinungen immer hin und her gerissen, konnte dem Poetischem und der Debussyschen Ablösung vom Vorbild Wagner, besonders dessen Parsifal, aber doch auch eine Menge abgewinnen. So kurz nur ich Sandeep als Student erleben durfte, so strahlte er eine ästhetische Sicherheit und Erhabenheit aus, die es mit dem Professorenkollegium aufnehmen konnte. Dieses rächte sich bitterlich, indem es Sandeep nach satiehaften und wunderschönen minimalistischen Dadaismen seines Meisterklassenpodiums durchfallen ließ. Sandeep trat als eigener Pianist auf, zeigte sehr deutlich seine Grenzen am Klavier, hinterfragte dies aber mit einer eigenen hintersinnigen Geistigkeit, der das damalige Kollegium nicht folgen wollte.

Sieht man nur kurz auf die späteren Stationen Sandeeps, schadete dies ihm nicht, wurde er trotzdem Professorenkollege Rihms in Karlsruhe, erhielt er den Ruf an die Concordia-Universität im kanadischem Montréal. Die Lust am Spielen mit dem Material einer Komposition, nicht nur im Laufe des Kompositionsprozesses, sondern auch im Moment der Aufführung selbst, die eigene Hinterfragung im Moment von sonst festgelegter und eingeübter Interpretation, das Wachhalten des Geistigen im jeden Moment des spielerischen Daseins, verfolgte er weiter und schuf für sich die Form der „Komprovisation“, der komponiereten Improvisation. Das Wachhalten des Spirituellen im jeden Moment könnte man auf seine indischen Wurzeln zurückführen. Dieser indische, deutsche, schweizerische und kanadische Mensch ist aber viel eher ein waschechter Kosmopolit. So thematisierte er die Fremdheit von Menschen in unserer Zeit als Migranten, sei es als riesige Oper wie seinem „Ramanujan“. Oder sei es als Geschichte von drei Frauen, drei Schwestern, die niemals ihre Wohnung in Bombay verliessen und ihrerseits als dem lokalem Verwurzelte von ihrer mobileren Umgebung als befremdlich empfunden worden sind. Das Stück „Trois Femmes“ vereinigte durch das programmierte Reagieren der Elektronik auf die Aktionen der drei Darstellerinnen schon weit vorausschauend Sandeeps Stil Mitte der Neunziger Jahre am Pariser IRCAM. Für das diesjährige Festival kehrt Sandeep nun endlich an einen seiner Ausgangspunkte zurück.

Mit „Nirgun Bhajan“ für Schlagwerk und singende Blockflötistin greift er literarisch und musiktheoretisch die indische Tradition auf. Übersetzt könnte der Titel in etwa „Lieder der göttlichen Leere“ heissen. Das Schlagwerk gibt mit den unterschiedlichen Idiophonen das Tonmaterial vor, welches dann beide Musiker in strenger Einstimmigkeit gemeinsam durchleben. Sandeep sagt dazu: „Obwohl alles in dieser Partitur notiert ist, wird jede Einstudierung dennoch ganz eigen sein, bestimmt von den Fähigkeiten und Entscheidungen der ausführenden Musiker.“ So blieb er sich über die Jahrzehnte treu, verbindet Minimales mit Momenten der Freiheit, was ja auch Spiritualität auszeichnet: sich hingeben, dies aber vollkommen frei vornehmen, jederzeit darin selbst einsteigend wie auch das Ende bestimmen könnend, was aber meist ausbleibt, taucht man erst einmal in die Welt des Geistigen ein.

Von Dogma zu Dogma – Ernst Bechert über die Entwicklung von Komponistenverschwörung zur 12. aDevantgarde

Ernst Bechert und Stefan Schulzki sind beide Mitbegründer des Komponistenkollektivs „Komponistenverschwörung„. Dieses hat sich in einem seiner Programm schon einmal mit der Frage des Lieblinsdogmas eines Komponisten in kurzen Stückjuwelen auseinandergesetzt. Somit sind Ernst und Stefan, beide auch im aDevantgarde-Verein aktiv, prädestiniert, ihr Können in „my favorite little dogma“ am 22.6.13, 17 Uhr, in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste unter Beweis zu stellen. Ernst war so freundlich und hat den Weg von damals zu heute in einen kurzen Text aufzuzeigen:

Vor Jahren habe ich mir mal für ein Programm der „Komponistenverschwörung“ das Motto „Dogma/Antidogma“ ausgesucht – das schien mir ein guter Assoziationskern, an den sich sehr unterschiedliche Stücke andocken ließen – elastisch genug, um vieles unterzubringen und kompakt genug, dass sich damit ein flotter Antrag für Fördergelder schreiben ließ.
Nun wurde ich durch den kleinen aDevantgarde-Auftrag wieder auf das Thema gestoßen, und ich habe es diesmal ganz anders behandelt: mit einem Verweis auf die „Unanswered Question“ des großen Transzendentalisten-Fans Charles Ives.
Diesmal antwortet dem einsamen Blechbläser noch nichtmal ein geschwätziges Metaphysiker-Spezialistengremium, verkörpert durch etwaige Holzbläser. Der Antwort-Raum wirft nur die verzerrten Echos der Calls zurück. Leise vibriert darin allerhand Flüchtiges.
Bin gespannt, was sich die komponierenden Kollegen ausgedacht haben!

Autor: Ernst Bechert