Multitasking und Messe – Johannes X. Schachtner im Interview zu unserer beider künstlerischen Leitung und seinem Projekt

Von Alexander Strauch

„MISSA EST!“ ist der Titel des Abschlusskonzerts am 23.6.13, 17 Uhr, in der Universitätskirche St. Ludwig und gleichzeitig das Motto des gesamten 12. Internationlen aDevantgarde-Festivals. Dieses Konzert ist die Idee von Johannes X. Schachtner, mit dem ich zusammen die Künstlerische Leitung inne habe. Johannes konnte für sein Projekt unseren neuen aDevantgarde-Kollegen Volker Nickel für die Komposition des Credos gewinnen, ein hochkomplexes, genaues und kleinteiliges Werk, dass förmlich die psychischen Strukturen des liturgischen Textes freilegt. Johannes erster Kompositionslehrer Rudi Spring vertonte die seit dem Barock der komponierten Messe fehlenden Teile wie Introitus, Responsorium, Offertorium oder eben jenes Missa est. Geschickt formte er daraus einen auch eigenständig aufführbaren Liederkreis auf Texte der Bibel wie von Annette von Droste-Hülshoff und Georg Trakl – wer hätte je gedacht, dass es der Oberexpressionist in die Messliturgie schaffen würde. Ruby Fulton ist mit ihrem Kyrie und Gloria amerikanisch-unkompliziert direkt an die Vorlagen herangegangen und schlägt sie die affirmative Seite an, die Neuer Musik oft zu fehlen scheint, wenn sie sich der Tradition annähert. Manfred Stahnke schrieb mit „Last Supper“ ein Orgelwerk, dass an Ligetis Volumina anknüpft und den Spagat vollführt, dessen Herangehensweise im engen Zeitfenster des liturgischen Ablaufs zu versuchen. Johannes X. Schachtner erweitert die chromatische Orgel um eine weitere vierteltönig verstimmte und kann so auf einer 24-tönigen Skala spielen. Er spiegelt bekannte Gesten und Topoi der Messliturgie mit seiner modernen Sichtweisen und eigenen früheren Messfragmenten und bringt somit hinterfragende wie affirmative Herangehensweisen zusammen. Obendrein verwaltet Johannes den Finanzverkehr des Festivals. Derweil das Ensemble meines Abends im fernen Hamburg probt, ich auf einen Technikstuff bauen kann und die Zeit z.B. für diesen Blog finde, probt Johannes mit den Musikern und Sängern seines Konzerts seit zwei Wochen und hat parallel dazu noch eine Dirigierverpflichtung in Bregenz am Vorarlberger Landestheater. Hier nun ein zwischen Tür und Angel erfolgtes Interview mit ihm, dass ich mit ihm gestern führte.

Ich: Du legst ein Multitasking an den Tag, wo mir älterem Manne ganz schwindlig wird?

Johannes: Bisher sehr gut. Das einzige Wichtige bei Tagen des erhöhten Multi-tasking, dass man alles schön hintereinander macht. Dann hat es nämlich eine durchaus sich gegenseitig befruchtende Wirkung. So wird eine Repertoirevorstellung eine höchst willkommene Abwechslung zu der Anspannung, die die Einstudierung von anspruchsvollen Uraufführungen mit sich bringt und Überweisungen (Johannes ist für die Festival-Finanzen zuständig. Anmerkung der Redaktion) werden zur meditativen Entspannungsübung – und dieses unerwartete Interview ersetzt, wie es eben passiert, die Gute-Nacht-Geschichte. Das alles geht natürlich nicht ohne ein tolles Team, das uns beide bestens unterstützt.

Ich: Am Mittwoch erschien bereits ein Vorbericht zu aDevantgarde in einer Münchener Zeitung, gleich unter einem Interview mit dem Staatsoperintendanten Nikolaus Bachler und einem seiner Sponsoren. Fühlt man sich angesichts solch einer zufälligen Reihung ein wenig wie ein Festspielintendant oder setzen wir bei aDevantgarde nicht eher auf das Kollegialprinzip?

Johannes: Das zeigt mir vorallem, dass wir doch in einer tollen Stadt sind und uns freuen können in so einem Umfeld auch irgendwo unseren Platz mit zeitgenössischer Musik zu haben. Absolutes Kollegialprinzip! Wir werden nicht eine 200 Mann Uraufführung auf die Beine stellen, die Staatsoper wiederum wird auch nicht an einem Wochenende 20 Uraufführungen herausbringen wollen.

Ich: Im besagtem gleichem Münchener Blatt stellte man nach Auswertung der Volksbefragung fest, dass in manchen bayerischen Gemeinden der konfessionsgebundene Feiertag zu Maria Himmelfahrt gefährdet sein könnte, da die Zahl der Katholiken genauso geringer ist wie die Gesamtbevölkerung Deutschlands (statt bisher 82 nur 80 Mio.). Wird man 2023 noch Maria Himmelfahrt in München feiern?

Johannes: In München sicher. Wenn das Wetter schön ist, ist das ja wahrscheinlich der Biergartentag schlechthin. Auch da wird es wieder um alle mögliche Interessen gehen. Maria hin oder her. Aber vielleicht täte es den Kirchen wirklich gut, wenn manche weltlichen Privilegien wegfielen und es im Falle dieses wertvollen Urlaubstages wieder etwas mehr Mühe kosten würde, die einem wichtigen Feste zu begehen.

Ich: Bist Du mit Deinem neuem Werk für die aDevantgarde zufrieden?

Johannes: Naja, nachdem ich das Werk gerade eher aus der Warte des Dirigenten sehe, weil ich ja gerade mitten in den Endproben bin, fällt es mir jetzt schwer, mit Abstand darauf zu schauen. Aber ich weiß noch, dass ich eigentlich schon zufrieden war, als die Noten gerade fertig waren. Insofern: ja.

Ich: Dein Stück heisst „Paralipomenon“. Was bedeutet das?

Johannes: Anhang. Ich wollte damit ausdrücken, dass man bei der Vertonung von Messteilen in jeder Sekunde mit der Historie konfrontiert ist. Dass also mein Sanctus, Benedictus, etc. nicht mehr und nicht weniger ist als eine weitere Vertonung in einer ganz lange Liste. Und jede Vertonung hat ihre Berechtigung, da sie eine Geschichte über ihren Autor und vor allem ihre Zeit erzählt. Für mich scheint die Geschichte schon fast vollkommen zu Ende erzählt, daher nenne ich mein Stück „Anhang“.

Ich: Du hast ja bereits einmal ein „Credo“ für Orgel und Orchester komponiert, jetzt Sanctus/Benedictus und Agnus Dei, früher schon mal ähnliches für Chor samt einem Kyrie. Wann rundest Du Deine bereits komponierten Teile der Messliturgie mit dem noch fehlendem Gloria ab? Oder ist dieses gesamte von Dir initiierte Konzert mit den Werken Deiner Kollegin Ruby Fulton und Kollegen Volker Nickel, Rudi Spring und Manfred Stahnke der vorläufige Abschluss dieser Auseinandersetzung?

Johannes: Ich denke erstmal ja. Das Gloria habe ich in meiner Komposition GLORIOLE abgehandelt, in der es um den Heiligenschein geht. Ich habe in diesem Werk genauso wie in meinem Credo aber ganz bewusst nicht den liturgischen Text vertont.

Ich: Gibt es etwas Besonderes, worauf das Publikum des Abschlusskonzerts hinhören soll?

Johannes: Bei mir ganz konkret: es gibt eine zweite Orgel, die um einen Viertelton versetzt gestimmt ist. Allgemein: die Musik beschäftigt sich mit einer sehr intimen Sache: dem Glauben. Ich denke, die unterschiedlichen Beiträge von Ruby und den anderen sagen eine Menge darüber aus, wie es ihre Komponisten damit halten. Seien Sie also das Gretchen!

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Das Festival steht vor der Tür: Gordons Nischen, Markus‘ Winkel und Oscars Wellen

Jetzt ist es bald soweit: das 12. aDevantgarde-Festival steht unmittelbar vor der Tür. Alle Partituren sind fertig, mancher Musiker von den anstrengenden Endproben. Als letzter wurde ich fertig. Kein Wunder, wenn man einerseits die beauftragten KollegInnen anhält, zu Potte zu kommen. Immerhin bleibt mir Johannes Paul II. papaler Glanz vergönnt: mit „non abbiate paura“, deutsch „habt keine Angst“, nehme ich hoffentlich den letzten Zweiflern die Furcht. Was ich aus Hamburg von den Proben des Decoder-Ensemble verraten kann: es gibt den Musikern um Leopold Hurt und Frauke Aulbert sogar Freude, so dass ihr gesamtes Programm für den 22.6.13, 19:30 Uhr, Club Bob Beaman, ihnen Spass machen dürfte. Gordon Kampes dort auch anstehende Uraufführung „Nischenmusik“ hat mir beim reinem Notenlesen köstliches Vergnügen bereitet.

Bevor ich selbst an der Reihe sein werde, richte ich meine Aufmerksamkeit auf das Vigilia-Konzert, 21.6.13, 21:30 Uhr, Allerheiligenhofkirche. Markus Schmitt hat mit Julius Berger ein wirklich wunderbares Programm erarbeitet! Die Klassiker von Sofia Gubaidulina und Arvo Pärt für Cello-Ensemble sind ruhende Eckpfeiler, zwischen denen die anderen bereits bestehenden Stücke von Manuela Kerer und Giovanni Bonato hoffentlich in guten Händen von Julius Berger und seinem CelloPassionato aufgehoben sein werden. Im Gegensatz zu Kampe sah ich Markus Schmitts „In den Winkeln“ – Nokturn für acht Celli noch nicht. So geheimnisvoll wie Markus daran feilte, bin ich höchst gespannt, ob sein Stück aufgehen wird. Aber auch ihm blieb wie mir wenig Zeit zum eigenem komponieren: ich regte ihn an, ein Cellosolo-Streichorchesterwerk seines Lehrers Wilhelm Killmayer für CelloPassionato und Herrn Berger umzuarbeiten. Er überzeugte Killmayer von diesem Plan und machte sich ans Werk, „Sostenuto“, eine Art Studie über das Ein- und Ausatmen, von Streichorchester für acht Celli zu reduzieren.

Wir sind nun richtig stolz, so eine Uraufführung einer neuen Version eines Killmayer-Werkes bekommen zu haben. So bekannt Wilhelm Killmayer hier in München und Süddeutschland ist, so wurde es merkwürdigerweise ruhiger um ihn. Gesundheitlich in den letzten Jahren angeschlagen, komponierte er immer weniger. Allerdings sollte dies ihm keine Probleme mit Aufführungen bereiten, kann er doch auf einen reichhaltigen Werkkatalog zurückblicken. Kammermusikalisch und vokal ist er nach wie vor präsent. Die Orchester vernachlässigen ihn allerdings sträflich, was um so mehr erstaunlich, wo sein aufgeführtes Oeuvre doch immer ein Ereignis für Kenner und Laien ist, wie er das Feld zwischen enigmatischer Fülle des unmittelbaren Einfalls und der wohldosierten Kargheit beherrscht. Es freut uns ungemein, ihn als Meister der grösseren Besetzung mit unseren bescheidenen Mitteln dem Publikum in Erinnerung rufen zu dürfen.

Eine weitere Anregung meinerseits für das Vigilia-Konzert ist die Auftragsvergabe an Oscar Strasnoy. Das Festivalteam war gespannt, ob er Zeit für uns finden wird. Seine Musik kenne ich aus Konzerten und Erzählungen meiner Frankfurter Studienkollegen, die ihn als Schüler von Hans Zender erleben durften. Inzwischen hat er sich zu einem der wichtigsten Opernkomponisten Europas entwickelt, werden seine Opern in Italien, Frankreich und Deutschland beauftragt und wiederaufgeführt. In München erlebte man zuletzt eine Produktion der Theaterakademie mit „Le Bal“. Wie man jetzt sieht klappte es! Er widmete uns „Vague Requiem“, welches auf einem Roman von William Faulkner beruht und wonach er, der Unerschöpfliche und Ideenreiche, wieder eine Oper komponiert. Danke Oscar!

Autor: Alexander Strauch

Aussendung zur 12. Festival-Ausgabe

In etwa könnte dieser erste Versuch das Vorwort des Programmhefts werden…

Mit seiner 12. Ausgabe wird das diesjährige Internationale aDevantgarde-Festival fast ein Vierteljahrhundert alt. Seit seiner Gründung versteht es sich als Plattform für junge und junggebliebene Ansätze der zeitgenössischen Musik wie Komponistinnen und Komponisten, Ensembles und Konzertkonzepte. Ein Merkmal von aDevantgarde ist zudem die bei ähnlichen Festivals nur selten anzutreffende Fähigkeit, sich immer wieder selbst durch basisdemokratische Prozesse im Vorfeld der Planung und immer wieder neue Gesichter in der Festivalleitung selbst zu erneuern. Diesmal konzipierten wir als Festivalleitung – die Komponisten Johannes X. Schachtner und Alexander Strauch – gemeinsam mit weiteren Mitgliedern unseres gleichnamigen Trägers (aDevantgarde e.V.) das Programm für 2013.

Mit dem lateinischen Motto „missa est“, was in etwa „Seid ausgesandt!“ bedeutet, wenden wir uns dem Spannungsfeld von Dogma und Antidogma zu. Rangen ganz im Sinne der Herkunft des Mottos aus dem katholischen Messordinarium die Verfechter oder Erneuerer des Glaubens existentiell um die richtige Auslegung ihrer „Aussendung“, wissen wir heute um den Dogmatismus der seriellen Musik der Mitte des 20. Jahrhunderts und kennen zugleich die antidogmatischen Kritiken und Gegenentwürfe eines György Ligeti, Arvo Pärts und Wilhelm Killmayers oder einer ganzen Generation von „Postmodernen“ und „neuen Einfachen“ ab Mitte der Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Heute blicken wir mit einem lachenden Auge zurück und sind froh, dass diese Grabenkämpfe vorüber sind. Mit einem heimlich weinendem Auge sehnen wir uns aber auch ein wenig nach den vermeintlichen klaren Linien dieser unmittelbaren Vergangenheit zurück, wo doch jetzt nur noch die eigene Haltung zählt: egal wie nah oder fern man sich zu den jeweiligen Errungenschaften der „Neuen Musik“ positioniert, so steht man angesichts der Fülle der Möglichkeiten oft genug alleine auf weiter Flur.

Kein Wunder, dass „Heroen“ im Fokus des ersten Abends stehen. Besonders das „Vigilia“-Konzert mit CelloPassionato unter Julius Berger widmet sich mit Namen wie den zuvor schon genannten von Arvo Pärt und Wilhelm Killmayer sowie Sofia Gubaidulina dem antidogmatischen Aufbruch 50 Jahren, von dem auch die Uraufführungen von Oscar Strasnoy und Markus Schmitt zehren dürften. Eröffnet wird der Abend mit „Aenigma et Stupor“ mit den Solisten Iris Lichtinger (Blockflöte und Gesang) und Stefan Blum (Schlagzeug), welche ein neues Werk des aDevantgarde-Gründers Sandeep Bhagwati für singende Blockflötistin und Schlagzeug mit Werken u.a. von Samir Odeh-Tamini sowie Jörg Widmann mit fernen Klängen von Hildegard von Bingen kombiniert. Für diese beiden kontemplativen Konzerte konnten wir die Allerheiligenhofkirche der Residenz gewinnen.

Der folgende Tag ist ganz den jüngeren Kollegen gewidmet. Mit „my little favourite dogma“ lassen wir Komponisten als eigene Interpreten gekoppelt mit einem weiteren instrumentalen Duo-Partner in den Ring der Bayerischen Akademie der Schönen Künste treten. Dabei sollen sie in kurzen Stücken zeigen, was bei aller kompositorischen Freiheit ihre kleinen persönlichen Dogmatismen sind, wie es Moritz Eggert längst mit „Melodie 1.0“ vormachte. Dieses Stück eröffnet das Konzert.

Abends laden wir in den Musikclub Bobbeaman ein. Zuerst wird das neugegründete Hamburger Decoder-Ensemble im grösseren Rahmen „Dogma.Antidogma“ gegenüberstellen, was von Johannes Kreidlers umstrittener „Fremdarbeit“ über Alexander Strauchs durch Johannes Paul II. Systeme stürzendem Inaugurations-Auspruch „non abbiate paura“ inspirierter Uraufführung bis Gordon Kampes „Nischenmusik“ seinen Platz finden wird. Nach soviel Haltungs-Jogging klingt der Abend mit der „Clubnight“ von Leopold Hurt, Alexander Schubert und den DJ-Gebrüdern Teichmann aus.

Johannes X. Schachtner hatte die Idee zum abschliessenden Konzert, welches mit seinem Titel „missa est“ der mottogebende Höhepunkt des Festivals sein wird. Das Ensemble aDevantgarde und die Gesangssolisten werden unter seiner Leitung eine komplette Neu-Vertonung des Messordinariums in der Universitätskirche St. Ludwig uraufführen. Neben Schachtner stellten sich auch Volker Nickel, Ruby Fulton, Rudi Spring und Manfred Stahnke der Herausforderung, die den Rahmen von liturgisch-dogmatischer Aufgabenstellung und persönlicher künstlerischer Annäherung abmisst.

Eine kleine Geschichte der aDevantgarde von Moritz Eggert

Beginnen soll dieses Blog mit dem Reprint eines kleinen historischen Abrisses des Festivals durch den langjährigen Leiter Moritz Eggert. Dieser Artikel ist auch auf der alten Homepage zu finden, hier die neue Homepage

Eine kleine Geschichte der ADEvantgarde von Moritz Eggert Eine kleine Geschichte der A*Devantgarde

In den späten 80er Jahren versammelte sich in Wilhelm Killmayers Kompositionsklasse in München ein nicht unverwegenes Häuflein von Komponisten. Da Killmayers sehr eigenwilliger Unterrichtsstil Neid- und Konkurrenzgefühle unterdrückte, verstanden wir uns alle – und das ist in Kompositionsklassen durchaus nicht häufig – auch privat sehr gut, was in den gemeinsamen Stunden eine positive und abenteuerlustige Atmosphäre schaffte. Wie viele junge Komponisten vor uns wollten wir alles anders machen, wussten aber noch nicht genau wie. Killmayer hatte schon in den vorhergehenden Jahren unermüdlich bei der Stadt München um Geld für junge Komponistenprojekte gebeten, was immerhin schon mal in einer richtig grossen Opernaufführung mündete. Zu diesem Zwecke hatte Killmayer ein schriftliches Konzept mit dem Titel „Junge Musik“ verfasst. Auch gab es ein musica-viva-Konzert, in dem wir als neue Schülergeneration zum ersten Mal wahrgenommen wurden. Doch Aufführungen waren rar, und uns allen war damals klar, daß wir nicht den „Darmstädter Weg“ gehen wollten, und unsere als heilig empfundenen Ideale verraten wollten. Die Musik, die uns interessierte, war in den sogenannten „etablierten Neue Musik“-Festivals kaum vertreten; was uns vor allem störte war die Tatsache, daß die dortigen Programme meist von Komponisten der älteren Generation gestaltet wurden, die eher die Bestätigung des schon Bekannten als neue Verunsicherungen suchten. In dieser frustrierenden Situation wurde die Gründung der Münchener Musiktheater-Biennale durch Hans Werner Henze als etwas sehr Befreiendes empfunden – hier war sie, die Vielgestaltigkeit, die wir uns wünschten, das Gefühl des Aufbruchs, nach dem wir uns sehnten. Aber: Es ging hauptsächlich um Oper, weniger um rein musikalische Ästhetik. Es fehlte also noch etwas…
Henze hatte sich einen von uns, Sandeep Bhagwati, als Assistenten für seinen Kurs „Laien komponieren“ auserkoren, der aufgrund von Henzes vielen Verpflichtungen hauptsächlich von Sandeep allein geleitet wurde. Hierdurch entstand ein bis heute wertvoller Kontakt zum Veranstaltungsort dieses Kurses, der Münchener Volkshochschule, und so konnte Sandeep eine Reihe von Kammerkonzerten anregen, die er „A*Devantgarde“ nannte, und die er gemeinsam mit Kollegen aus seiner Klasse, also uns, gestaltete. Diese Konzertreihe sollte eben diese andere „junge“ Musik präsentieren, die uns interessierte. Sandeep verfasste hierzu auch ein „Manifest der A*Devantgarde“ – ein bis heute äusserst kontroverses Dokument, das zu vielen Mißverständnissen bei Kritik und Publikum führte, gleichzeitig aber ein inniges und ehrliches Dokument unseres Willens war, eine Musik ohne Zwänge und Materialdiktat zu erforschen. Die Aufregung, die diese Idee bei manchem Kritiker und Kollegen bis heute erzeugt, hat uns letztlich immer bestätigt.
Die ersten A*Devantgardkonzerte fanden im Gasteig statt, der Heimat der Münchener Volkshochschule, im Carl-Orff-Saal und in der Black Box (später gab es auch Konzerte in der Musikhochschule). Schon früh experimentierte Sandeep mit Moderation, ausgefallener Beleuchtung und Performance-Elementen (unvergesslich nach wie vor z.B. die legendäre Aufführung von Atanasio Khyrshs „Laut und Furchtlos“, oder das Konzert „mit dem Gong“). Die Konzerte fanden einigen Zuspruch, und so regte ich, von Killmayers „Junge Musik“-Konzept wissend, an, die Stadt München um die Finanzierung eines ganzen Festivals zu bitten (der Etat der Volkshochschule war natürlich recht begrenzt). Wenn man die Schwierigkeiten von heutiger Kulturfinanzierung kennt, erstaunt es, wie leicht uns damals der Überredungsversuch fiel…das Kulturreferat war Feuer und Flamme – ein ganz wichtiger Startschuss! Plötzlich waren wir die Hüter eines ansehnlichen Etats! Ein Festivalprogramm also musste erstellt werden, und es war klar, daß dies eine gemeinsame Anstrengung der Killmayerschüler sein sollte (bei der uns Killmayer selber auch stark unterstützte). Zu diesem Zweck wurde der Verein „A*Devantgarde“ gegründet, der uns die Möglichkeit gab, gemeinnützig zu sein, und Spendenquittungen ausgeben zu können. Es gab finanzielle (Günter Bialas) und ideelle (Hans-Jürgen von Bose, der uns anbot, umsonst Programme auf der Strasse zu verteilen) Unterstützung, und wir fühlten uns wohl auf einer Woge positiver Resonanz. Das Programm des ersten Festivals (1991) war geradezu übervoll: Kammerorchesterkonzerte im Carl-Orff-Saal (mit Manfred Schreier und seinem damals jungen Ensemble, der uns grosszügige Konditionen anbot), mehrere Kammerkonzerte unterschiedlichsten Programms (u.a. mit einer Violinsonate des damals gerade erst volljährigen Jörg Widmann), ein Konzert „Neue Musik auf alten Instrumenten“, Neue Strassenmusik auf dem Marienplatz (vielleicht das erste und letzte Mal, daß Münchener Passanten angeregt wurden, zeitgenössische Kanons einzustudieren), „Neue Tafelmusik“ im Stadtmuseumscafé, eine Diskussion mit illustren Komponisten wie Helmut Lachenmann (der mir die verzweifelte Frage stellte, „haben Sie Angst vor Darmstadt, Herr Eggert?“), und ein bis heute sagenumwobenes Marathonkonzert in der Münchener Musikhochschule, das einen gigantischen Zulauf hatte, und 2 Opernuraufführungen (in Zusammenarbeit mit Cornel Franz und der jungen Regieschule) beinhaltete. Für eine dieser Opern („Der Jäger von Fall“, Musik Lutz Landwehr nach einem Libretto von Wilhelm Killmayer, Regie: Tilman Knabe) wurden 20 Fuhren Torferde auf der grossen Treppe des hinteren Lichthofs verteilt (und in einer einen Tag lang währenden Aktion vom gesamten A*Devantgarde-Team am „Tag danach“ wieder von dort weggeschippt). So positiv der Publikumszuspruch beim ersten Festival, so vernichtend waren viele Kritiken, in denen wir als Emporkömmlinge und Lilliputaner mit Fliegenklatsche beschimpft wurden. Das wir hier nicht aufgaben, ist vielleicht am meisten Wilhelm Killmayer zu verdanken, der uns beständig aus der Lethargie des Selbstmitleids riss. Und dem Wissen, daß all diese Aufregung nicht ohne Grund war, ja, daß wir etwas geschaffen hatten, was im positiven Sinne aufregend und anregend war und Diskussionen in Gang setzte – und das war immer unser Ziel gewesen. Mit dem ersten Festival waren die Strukturen des Festivals für die Zukunft umrissen worden: ein Termin im Juni, ein Stattfinden im 2-Jahres Turnus (alternierend mit der Münchener Biennale, und aufgrund der Tatsache, daß wir einen jährlichen Turnus organisatorisch nicht bewältigt hätten), allerdings mit beständig stattfindenden „Zwischenkonzerten“ im Jahr ohne Festival (die dann gelegentlich auch die Form eines „kleinen“ Festivals annahmen). Das 2. Festival (1993) brachte dann auch gleich einen weiteren Umbruch: war das erste Festival noch meist auf regionale junge Talente beschränkt gewesen, wollten wir nun auch international junge Komponisten ansprechen. Wir liessen uns stapelweise Partituren schicken, und schauten diese in Mammutsitzungen durch, getreu unserem wichtigsten Ideal, daß junge Komponisten junge Komponisten aussuchen sollten. Uns scherte es dabei überhaupt nicht, ob diese in irgendeiner Form etabliert waren oder nicht, was auch ein Risiko war, denn oft erwarteten die Konzertbesucher Programmer voller unbekannter Namen.
Ein unglücklicher Termin im Dezember (mit weihnachtlichem Publikumsschwund) und einige ungeschickte finanzielle Entscheidungen brachten A*Devantgarde in eine zweite Krise: das 2. Festival war noch grösser gewesen als das Erste, hatte aber auch einen grossen Verlust gemacht. Dies zwang uns, beim 3. Festival (1995) kürzer zu treten – da wir die teuren Saalmieten nicht zahlen konnten, fanden wir ein neues Heim im gerade erst gegründeten „Neuen Theater“, das uns mit modernster Licht-und Tontechnik allerdings auch ganz neue Möglichkeiten der „Konzertinszenierung“ gab. Das 3. Festival war trotz seiner „kleineren“ Umstände künstlerisch ein Fortschritt – wir waren erfahrener geworden, und das resultierte in konziseren und weniger „wildwüchsigen“ Konzertprogrammen. Einige von uns waren durch verschiedenerlei Stipendien und Kontakte viel im Ausland herumgekommen, was sich in einigen interessanten musikalischen Entdeckungen niederschlug (zum Beispiel brachten wir eine der ersten deutschen Aufführungen von Claude Viviers Musik). Das 3. Festival war eine notwendige Verkleinerung, aber auch ein Neuanfang, denn von hier an ging es wieder aufwärts. Auch die Kritik nahm uns langsam immer ernster – man merkte, daß wir nicht so schnell aufgaben, es mußte also etwas dran sein!
Das 4. Festival (1997) war vom Konzept her sehr ähnlich: Hauptveranstaltungsort war das Neue Theater, die Bayerische Akademie war zum treuen Partner für reine Kammerkonzerte ohne szenischen Anteil geworden. Auch der Publikumszuspruch wuchs beträchtlich, und es gab endlich wieder ein richtiges Programmheft (das beim 3. Festival dem Etat zum Opfer gefallen war). Neu war auch die Integration junger Kollegen aus der Klasse von Hans-Jürgen von Bose (der Nachfolger von Killmayer an der Musikhochschule geworden war) und der Würzburger Klasse von Heinz Winbeck. Denn die ursprünglichen Gründer von A*Devantgarde waren ja schon allesamt mit dem Studium fertig, und man wollte den Kontakt zum jungen Nachwuchs beibehalten. 
Immer mehr kristallierte sich auch eine „demokratische“ Festivalleitung heraus – man wollte keinen einzigen „Chef“, sondern eine offene Diskussion aller Vorschläge in der Gruppe. Manchmal war dies ein mühsamer, doch ein stets lohnender Prozess – auch dies sicherlich ein sehr seltener Ansatz in der Festivallandschaft. Nach wie vor verdiente keiner von uns Geld mit dieser Organisationsarbeit, aber das war auch nicht der Sinn der Sache… Auch das 5. (1999) und 6. Festival (2001) brachten ständige Verfeinerungen mit sich. So wurde das Konzept der „Konzertmacher“ eingeführt (eine Person ist jeweils für eines der ca. 7 Konzerte organisatorisch alleinverantwortlich, was die Verständigung erleichterte). Auch wurden zunehmend Konzerte auch überregional wiederholt, wodurch der Name „A*Devantgarde“ zu einem bekannten Begriff in der Neuen Musik-Szene geworden ist. Immer zahlreicher werden seitdem auch die unaufgeforderten Einsendungen von Partituren und Konzertideen, denen wir, wo immer möglich, nachgehen.
Das 7. Festival (2003) wird einen neuen Umbruch markieren: A*Devantgarde soll wieder grösser werden (das Ideal wäre der Umfang des ersten Festivals). Da dies mit dem nicht grösser gewordenen Grundetat von der Stadt München nicht mehr zu erreichen ist, sollen bewußt mehr Sponsoren angesprochen werden, als dies bisher geschah. Es wird ein richtiges „Büro“ geben, daß als Ansprechstelle mehr funktioniert als die bisherige Aufteilung auf alle Beteiligten. Wenn man die Konzepte für A*Devantgarde 7 betrachtet, bemerkt man Projekte, die nicht mehr allein auf München begrenzt sind, auch werden mehr Koproduktionen als bisher angestrebt. Neu in dieser ausschliesslichen Form ist das Thema Tanz und Video, und zum ersten Mal seit dem ersten Festival wird es wieder eine grössere Opernproduktion in Zusammenarbeit mit der Theaterakademie geben. Die Ideale der Anfangszeit sind jedoch dieselben: es geht um junge Musik junger Komponisten (gelegentliche Ausflüge in die Regionen der älteren Vorbilder nicht ausgeschlossen). Wir suchen nach wie vor das Offene, Frische, Unverquälte, eben das, was sich noch im Zustand des Unkategorisierten befindet, und daher am Anregendsten ist. Daher wird A*Devantgarde auch in Zukunft ein Ausblick auf die Möglichkeiten Neuer Musik sein, mit dem steten Augenmerk auf das, was einen Anfang, keinen Endpunkt setzt. Wir freuen uns gemeinsam mit Ihnen darauf, auch im Jahre 2003 diese musikalischen Welten zu erforschen.
Ach ja, Sie werden wieder fragen, was der Name „A*Devantgarde“ soll: es ist eine Mischung aus „avant“ und „dévant“, also französisch für zeitlich UND räumlich „voran“. Wenn Sie also, wie viele, „DeAvantgarde“ sagen, ist das auch nicht so schlimm.
Alles klar? Gut – dann können wir….beginnen.
Denn der Anfang ist zwar schwer, aber letztlich am Schönsten! Moritz Eggert, Lyon, 29.8.2002