Freiheit und Geist, Entscheidung und Gebundenheit – eine Hommage an Sandeep Bhagwati von Alexander Strauch

Am Fr., 21.06.13, 19:30 Uhr, Allerheiligenhofkirche, ist Sandeep Bhwagwatis Uraufführung der erste Kristallisationspunkt des Festivals in AENIGMA et STUPOR mit Iris Lichtinger und Stefan Blum. Rätsel und Erstarrung mag die Musik des Abends sein, die Erinnerung und das Erlebnis dieser aus der Hand Sandeeps bedeutet für mich Wachheit und Klarsinn. Denke ich an Sandeep Bhagwati, sehe ich Gandalf vor dem inneren Auge. Sandeep ist für mich immer so etwas wie das ästhetischen Gewissen der A•DEvantgarde gewesen. Damals, das war Anfang der Neunziger Jahre, schrieb sich das jetzige aDevantgarde-Festival noch so. Das erste Festival hatte ich als Besucher erlebt, das zweite, eines der größten Festivals der aDevantgarde-Historie überhaupt, räumte mir Platz als einer der jüngsten Komponisten ein. Hierfür sei vor allem Sandeep gedankt, der nach Vermittlung einer gemeinsamen Freundin den Mut aufbrachte, mich in der Marathonnacht mit einem Trio zu präsentieren. Allerdings verschoben sich alle Zeiten brutalstmöglich in die Nacht hinein, so dass mein Stück letztlich ausserhalb des Festivals im Kaminzimmer der Musikhochschule lief. Dies war oder wäre auch mein einziger Auftritt als Instrumentalist auf unserem Festival gewesen. Immerhin waren wir kurzzeitig sogar noch Studienpartner, er im letzten Jahr der Meisterklasse, ich im ersten Jahr des Grundstudiums.

Das vereinfachte den Zugang zu Sandeep, mit ihm über Musik zu sprechen. Unser Lehrer von Bose analysierte mit uns Debussys „Pelléas et Mélisande“, um wohl zu zeigen, dass trotz all der fantastischen Neuerungen in Klang und Charakteregestaltung die Dramaturgie an sich dieses symbolistischen Stückes fragwürdig sei, da man niemals langweilen dürfe. Sandeep ergriff immer Partei für das Poetische im Dramatischen. Ich war da zwischen beiden Meinungen immer hin und her gerissen, konnte dem Poetischem und der Debussyschen Ablösung vom Vorbild Wagner, besonders dessen Parsifal, aber doch auch eine Menge abgewinnen. So kurz nur ich Sandeep als Student erleben durfte, so strahlte er eine ästhetische Sicherheit und Erhabenheit aus, die es mit dem Professorenkollegium aufnehmen konnte. Dieses rächte sich bitterlich, indem es Sandeep nach satiehaften und wunderschönen minimalistischen Dadaismen seines Meisterklassenpodiums durchfallen ließ. Sandeep trat als eigener Pianist auf, zeigte sehr deutlich seine Grenzen am Klavier, hinterfragte dies aber mit einer eigenen hintersinnigen Geistigkeit, der das damalige Kollegium nicht folgen wollte.

Sieht man nur kurz auf die späteren Stationen Sandeeps, schadete dies ihm nicht, wurde er trotzdem Professorenkollege Rihms in Karlsruhe, erhielt er den Ruf an die Concordia-Universität im kanadischem Montréal. Die Lust am Spielen mit dem Material einer Komposition, nicht nur im Laufe des Kompositionsprozesses, sondern auch im Moment der Aufführung selbst, die eigene Hinterfragung im Moment von sonst festgelegter und eingeübter Interpretation, das Wachhalten des Geistigen im jeden Moment des spielerischen Daseins, verfolgte er weiter und schuf für sich die Form der „Komprovisation“, der komponiereten Improvisation. Das Wachhalten des Spirituellen im jeden Moment könnte man auf seine indischen Wurzeln zurückführen. Dieser indische, deutsche, schweizerische und kanadische Mensch ist aber viel eher ein waschechter Kosmopolit. So thematisierte er die Fremdheit von Menschen in unserer Zeit als Migranten, sei es als riesige Oper wie seinem „Ramanujan“. Oder sei es als Geschichte von drei Frauen, drei Schwestern, die niemals ihre Wohnung in Bombay verliessen und ihrerseits als dem lokalem Verwurzelte von ihrer mobileren Umgebung als befremdlich empfunden worden sind. Das Stück „Trois Femmes“ vereinigte durch das programmierte Reagieren der Elektronik auf die Aktionen der drei Darstellerinnen schon weit vorausschauend Sandeeps Stil Mitte der Neunziger Jahre am Pariser IRCAM. Für das diesjährige Festival kehrt Sandeep nun endlich an einen seiner Ausgangspunkte zurück.

Mit „Nirgun Bhajan“ für Schlagwerk und singende Blockflötistin greift er literarisch und musiktheoretisch die indische Tradition auf. Übersetzt könnte der Titel in etwa „Lieder der göttlichen Leere“ heissen. Das Schlagwerk gibt mit den unterschiedlichen Idiophonen das Tonmaterial vor, welches dann beide Musiker in strenger Einstimmigkeit gemeinsam durchleben. Sandeep sagt dazu: „Obwohl alles in dieser Partitur notiert ist, wird jede Einstudierung dennoch ganz eigen sein, bestimmt von den Fähigkeiten und Entscheidungen der ausführenden Musiker.“ So blieb er sich über die Jahrzehnte treu, verbindet Minimales mit Momenten der Freiheit, was ja auch Spiritualität auszeichnet: sich hingeben, dies aber vollkommen frei vornehmen, jederzeit darin selbst einsteigend wie auch das Ende bestimmen könnend, was aber meist ausbleibt, taucht man erst einmal in die Welt des Geistigen ein.

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