»Im Neuen Hoagartn I« von Cornel Franz

„Der Neue Hoagartn“ des 15. aDevantgarde-Festivals ließ das bayerische Volksmusik-Format der Gleichzeitigkeit von Musizieren, Zuhören, Vortrag, Essen und Trinken im neuen Gewande neu Aufleben: statt Volksmusik erklangen zeitgenössische Musik, verfremdete Musik, neue Volx-Musik, elektronische Musik, Alte neu re-komponierte Musik, Elektronik-Gstanzl und jetztmusikalische Koloraturen. Zum Hoagartn gehören auch Wortbeiträge. Satirisch, kritisch und die Situation des alten und neuen Hoagartns selbstreflektierend tat dies Cornel Franz, den man als Autor, Regisseur, emeritierter Hochschulprofessor, Welt-, München- und Selbstbeobachter kennt. Wie die Musiker sass er mitten unter den essenden und trinkenden Zuhörern – die Grenzen zwischen Publikum und Musikern sind hier kulinarisch und örtlich aufgehoben – und begann nach den ersten Musikbeiträgen plötzlich zu lesen:

»Früher – in einem Hoagartn – früher, da kannte man die Musik ; früher, ja, da wusste man, was zu sagen war; und lustig konnte man labern. Aber jetzt bei dem Neuen Hoagartn mit seinen Uraufführungen, dem Motto: „drunter und drüber“, dem Jodeln beim Einlass, der doch nicht der Beginn sein kann, weil ein Anfang eigentlich von vorne losgeht …

Und der, der redet, der kann ja nicht einmal richtig „Hoagartn“ aussprechen; dann wird es sicher „kurz“ – wobei das keine Spitze gegen unsere alpenländische Nachbarschaft sein soll, im Gegenteil, jetzt wo sie bei der Neubesetzung ihrer wichtigsten Regierungsämter die ganz große Quotennummer gezogen haben, war das mit dem Kurz wirklich nicht lang – doch weiter im Text und der Frage ob es lang oder kurz werden wird – der Redner des von ihm Selbst Geschriebenen hat einen unangenehm – nuscheligen Sprechton. Und wenn Jemand sich seine eigenen Texte nicht merken kann, dann weiß man doch was los ist.

Das Einzige, was er noch auswendig hin bekommt ist:

„Natürlich-habe-ich-recht“!

Und so geht es denn auch los: „Natürlich habe ich Recht! Allein schon das Motto – eine Katastrophe; und im Neuen Hoagartn wird bereits beim Jodeln Einiges von „Drüber“ nach „Drunter“ fallen. Und wer räumt dann auf ?

Meinen Sie, dass dann ein heimatlich gekleideter Mensch auftritt, der sich dann auch noch alpenländisch verhält und beim Aufräumen über „gemütliche Tümlichkeit“ oder „volksmusikalische Humorigkeit“ referiert; von „Lindenlaminat im LandhausStil“ schwärmt? Und der sich immer noch darüber freut, wie elegant vor Kurzen bei der 100 – Jahre – Freistaat – Feier der Name des ersten Bayerischen Ministerpräsidenten „vergessen“ wurde.

Nein, dem ist nicht so. Im Neuen Hoagartn wird probiert.

Zum Beispiel so etwas:

„Sie hören jetzt den ‚Bayerischen Defiliermarsch'“

Reaktion des Auditoriums: Großer Jubel.

„Komponiert von unserem Militärmusiker Adolf Scherzer aus Ingolstadt, der bereits 1850 mit seinem Marsch für die bayerischen Könige und später auch für die dann ebenfalls bayerischen Ministerpräsidenten bei ihren Auftritten in Bierzelten den notwendigen akustischen Rahmen schuf.“

Grummelndes Desinteresse vor allem in den hinteren Reihen.

„Jetzt also: der Bayerische Defibrilliermarsch!“

Kurzer Jubel, denn Einige haben die Namensänderung doch mitbekommen.

„In der Fassung für 4 Piccoloflöten“!

Bei dem Reizwort „Piccoloflöten“ wird das Auditorium von einer Schockstarre ergriffen. Das nützen die Musiker aus und beginnen zu spielen; langsam schwindet die Angst des Publikums vor einer musikalischen Nah – Tod – Erfahrung. Sie gewinnen ziemlich schnell ihr Sprachvermögen zurück, von dem sie dann intensiv Gebrauch machen; und die Musiker*innen wissen jetzt, wie wenig es braucht, in unserer empörungsfreudigen Zeit einen Schockzustand herzustellen.

Das Beispiel ist frei erfunden und garantiert konzeptfrei.

Denn eigentlich geht es um den Hoagartn- Humor, der sich zu Recht mit dem Wörtchen „anarchisch“ schmücken darf und der aus einem Hoagartn einen guten Hoagartn machen kann.«
Cornel Franz 

Der gebürtige Freiburger Cornel Franz (*1946) begann nach seinem Abitur in München ein Musik-, Theaterwissenschaft- und Germanistikstudium, hat es aber 1970 wegen eines verlockenden Vertragsangebots abgebrochen. Das Angebot brachte ihn anfangs als Inspizient, kurz danach als Regieassistent zu den Bayreuther Festspielen. Dann ging es nach Dortmund und an die Hamburgische Staatsoper. Dort begann auch seine Karriere als freier Regisseur u.a. in Ulm, Bremen, Mannheim, der Deutschen Oper Berlin, der Staatsoper München und weiter nach Wien, Paris und Los Angeles. Gleichzeitig begann er Theater – Musik – Projekte zu entwickeln, die er ab Beginn der 80er Jahre auch realisierte. Von 1989 bis 2013 leitete er den Musiktheater- und Schauspiel- Studiengang Regie der Hochschule für Musik und Theater / Bayerische Theaterakademie August Everding. 1993 wurde er künstlerischer Leiter der Experimentierbühne LABOR und dann bis 2006 Programmmacher der Reihe FESTSPIEL+ der Bayerischen Staatsoper. Auch heute ist seine Kreativität, die auf jahrelangen Erfahrungen mit der Entwicklung und Durchführung interdisziplinärer Programmkonzeptionen basiert, immer noch gefragt.