»Im Neuen Hoagartn III« von Cornel Franz

„Der Neue Hoagartn“ des 15. aDevantgarde-Festivals ließ das bayerische Volksmusik-Format der Gleichzeitigkeit von Musizieren, Zuhören, Vortrag, Essen und Trinken im neuen Gewande neu Aufleben: statt Volksmusik erklangen zeitgenössische Musik, verfremdete Musik, neue Volx-Musik, elektronische Musik, Alte neu re-komponierte Musik, Elektronik-Gstanzl und jetztmusikalische Koloraturen. Zum Hoagartn gehören auch Wortbeiträge. Satirisch, kritisch und die Situation des alten und neuen Hoagartns selbstreflektierend tat dies Cornel Franz, den man als Autor, Regisseur, emeritierter Hochschulprofessor, Welt-, München- und Selbstbeobachter kennt. Wie die Musiker sass er mitten unter den essenden und trinkenden Zuhörern – die Grenzen zwischen Publikum und Musikern sind hier kulinarisch und örtlich aufgehoben – und begann nach noch mehr Musikbeiträgen, die seiner zweiten Lesung folgten, seine letzte Text-Intervention:

»Endlich, jetzt verstehe ich es: Dieser Hoagartn ist ein Gewölbe – Hoagartn! Da hätte ich ja schon früher gleich darauf kommen können.
Wie in einer Stubn… oder in einem Hoagartn wenn es kalt ist und man nicht im Garten sitzen will. StubnMusi und Hoagartn, die werden ja gerne als Geschwister gesehen. Der Hoagartn ist älter und funktioniert draußen und drinnen; die StubnMusi ist jünger und funktioniert drinnen und draußen; wie Geschwister halt so sind.

Über das Entstehen des Hoagartns weiß man nicht viel. Das ist schon so lange her. Bei der StubnMusi ist das Anders: da war es Tobi Reiser der Ältere / der die StubnMusi erfunden hat und der auch schon vor dem „Anschluss“ Österreichs 1938 ein ´Trachtenverbot für Juden` forderte.
Jetzt wird es auch noch politisch.

Ja, ich weiß: politisch Lied – garstig Lied.
Und deshalb landet man auch auf der homepage des „Salzburger Adventssingens“ gleich im Kapitel eins, in dem nachzulesen ist, wie ergreifend die Geburtsstunde dieser heute immer noch so beliebten Veranstaltung war, die Herr Tobi Reiser der Ältere 1946 ins Leben gerufen hat; nun aber auf sein heißgeliebtes ´Trachtenverbot für Juden` verzichten musste.
Das Blöde an Musik ist halt, dass sie politisch ist, weil sie soviel über uns weiß und so schön von uns erzählen kann. Politik aber ist nie musikalisch. Deshalb benötigt Politik die Musik, vor allem um sie bei Bedarf missbrauchen zu können.

Aber ist das etwas Neues?

Politik machen und dann die Musik bemühen, damit man es nicht gleich so merkt, was die Politik wieder gemacht hat. Momentan ist das ziemlich angesagt. Wenn Sie zur Zeit an der Staatskanzlei vorbeigehen und gläubigen Herzens den mittels kühner Architektur zur politischen Pracht geronnenen Regierungssitz bewundern, dann hören sie ab und zu „Summ, Summ, Summ, Bienchen summ herum“ gesungen von verzweifelten Beamt*innen, die den Auftrag haben, das „Bienen“ – und das „Artenvielfalt“ -Volksbegehren in eine tischvorlagengerechte Regierungsinitiative umzuformulieren. Eine Aufgabestellung, gegen die auch maiandachtliches Dauerabsingen von „summ, summ, summ“ nichts hilft, weil das inbrünstigste Textaufsagen bereits im Mittelteil der ersten Strophe ins Stocken gerät.

Dort heißt es: „Ei, wir tun Dir nichts zu leide, Flieg nur aus in Wald und Heide“, was ja definitiv weder für die Bienen noch für andere gefährdete Tierarten stimmt. Doch, wir tun Euch „zu leide“, und wie! Wir alle tun das!
Und diejenigen, die die politischen Rahmenbedingungen dafür geschaffen haben, diese Tiere auszurotten, erreichen es auch, dass es den Volksentscheid durch die Annahme des Volksbegehren – Gesetzentwurfs nicht geben wird.
Dafür wird dieser Entwurf jetzt in den Mühlen der politischen Meinungsbildung so lange gehäckselt, bis er „passt“. Und was das in Bayern heißt, muss hier wohl kaum erläutert werden.

Der Text von „Summ, Summ, Summ“ übrigens, ist von Hoffmann von Fallersleben, den er 1835 geschrieben hat. Schon so alt ist der Text und immer noch so weise.

Und zum Schluss noch eine Anekdote vom Anfang. Denn Musik und Bienen hatten es immer schon miteinander.

Eine der ganz frühen Geschichten kennen wir aus der griechischen Mythologie und hat mit Orpheus zu tun. Derjenige, der mit seiner Musik Götter und Menschen betörte, wilde Tiere beruhigte, Pflanzen zum Zuhörern und Steine zum Weinen brachte.

Dieser Orpheus war verheiratet mit Eurydike, auf die der Halbbruder von Orpheus – Aristeus mit Namen – ein Auge geworfen hatte. Warum? Das verschweigt uns die Mythologie. Aber der Rest der Geschichte, die mit Eurydikes und später auch mit Orpheus` Tod endet, ist bekannt.

Was nicht so bekannt ist: Es gab noch ein tödliches Nachspiel; und zwar für die Bienen des Landwirts und Imkers Aristeus. Zur Strafe zerstörten Eurydikes Schwestern dessen Bienenstöcke. Doch wegen seiner guten Kontakte zu den damals zuständigen Agrar – Göttern erfuhr er ziemlich bald, wie er wieder an Bienen rankommen konnte. Das kostete allerdings einigen Jungkühen und vier Stieren das Leben. Nach ihrer Schlachtung wurden sie im Freien liegen gelassen, damit aus deren verwesenden Körpern neue Bienenvölker entstehen konnten.

Ohne Witz, der Vorgang hat sogar einen Fachausdruck: Bugonie – das ist die Vorstellung über die Neuentstehung von Bienen (und auch anderen Insekten), die in der Antike und auch noch im Mittelalter ziemlich verbreitet war.

Inzwischen ist es jedoch nicht mehr zu verheimlichen, dass durch die derzeitige Optimierung der Bauernhöfe hin zu Industrie – Betrieben, die Bugonie, die auf eine intakte Bienen – Infrastruktur existenziell angewiesen ist, nicht mehr funktioniert.

Wenn sie je funktioniert hat.
Das weiß man aber nicht so genau.
Denn früher, da gab es ja noch Bienen.
Pech gehabt.
Wer?
Na, wir!
Wir sollten halt nicht nur nachdenken, über Heimat;
gegebenenfalls auch mal handeln, für die Heimat;
und wenn es sein muss, sogar in einem Neuen Hoagartn!«
Cornel Franz

Der gebürtige Freiburger Cornel Franz (*1946) begann nach seinem Abitur in München ein Musik-, Theaterwissenschaft- und Germanistikstudium, hat es aber 1970 wegen eines verlockenden Vertragsangebots abgebrochen. Das Angebot brachte ihn anfangs als Inspizient, kurz danach als Regieassistent zu den Bayreuther Festspielen. Dann ging es nach Dortmund und an die Hamburgische Staatsoper. Dort begann auch seine Karriere als freier Regisseur u.a. in Ulm, Bremen, Mannheim, der Deutschen Oper Berlin, der Staatsoper München und weiter nach Wien, Paris und Los Angeles. Gleichzeitig begann er Theater – Musik – Projekte zu entwickeln, die er ab Beginn der 80er Jahre auch realisierte. Von 1989 bis 2013 leitete er den Musiktheater- und Schauspiel- Studiengang Regie der Hochschule für Musik und Theater / Bayerische Theaterakademie August Everding. 1993 wurde er künstlerischer Leiter der Experimentierbühne LABOR und dann bis 2006 Programmmacher der Reihe FESTSPIEL+ der Bayerischen Staatsoper. Auch heute ist seine Kreativität, die auf jahrelangen Erfahrungen mit der Entwicklung und Durchführung interdisziplinärer Programmkonzeptionen basiert, immer noch gefragt.

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