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»Im Neuen Hoagartn III« von Cornel Franz

„Der Neue Hoagartn“ des 15. aDevantgarde-Festivals ließ das bayerische Volksmusik-Format der Gleichzeitigkeit von Musizieren, Zuhören, Vortrag, Essen und Trinken im neuen Gewande neu Aufleben: statt Volksmusik erklangen zeitgenössische Musik, verfremdete Musik, neue Volx-Musik, elektronische Musik, Alte neu re-komponierte Musik, Elektronik-Gstanzl und jetztmusikalische Koloraturen. Zum Hoagartn gehören auch Wortbeiträge. Satirisch, kritisch und die Situation des alten und neuen Hoagartns selbstreflektierend tat dies Cornel Franz, den man als Autor, Regisseur, emeritierter Hochschulprofessor, Welt-, München- und Selbstbeobachter kennt. Wie die Musiker sass er mitten unter den essenden und trinkenden Zuhörern – die Grenzen zwischen Publikum und Musikern sind hier kulinarisch und örtlich aufgehoben – und begann nach noch mehr Musikbeiträgen, die seiner zweiten Lesung folgten, seine letzte Text-Intervention:

»Endlich, jetzt verstehe ich es: Dieser Hoagartn ist ein Gewölbe – Hoagartn! Da hätte ich ja schon früher gleich darauf kommen können.
Wie in einer Stubn… oder in einem Hoagartn wenn es kalt ist und man nicht im Garten sitzen will. StubnMusi und Hoagartn, die werden ja gerne als Geschwister gesehen. Der Hoagartn ist älter und funktioniert draußen und drinnen; die StubnMusi ist jünger und funktioniert drinnen und draußen; wie Geschwister halt so sind.

Über das Entstehen des Hoagartns weiß man nicht viel. Das ist schon so lange her. Bei der StubnMusi ist das Anders: da war es Tobi Reiser der Ältere / der die StubnMusi erfunden hat und der auch schon vor dem „Anschluss“ Österreichs 1938 ein ´Trachtenverbot für Juden` forderte.
Jetzt wird es auch noch politisch.

Ja, ich weiß: politisch Lied – garstig Lied.
Und deshalb landet man auch auf der homepage des „Salzburger Adventssingens“ gleich im Kapitel eins, in dem nachzulesen ist, wie ergreifend die Geburtsstunde dieser heute immer noch so beliebten Veranstaltung war, die Herr Tobi Reiser der Ältere 1946 ins Leben gerufen hat; nun aber auf sein heißgeliebtes ´Trachtenverbot für Juden` verzichten musste.
Das Blöde an Musik ist halt, dass sie politisch ist, weil sie soviel über uns weiß und so schön von uns erzählen kann. Politik aber ist nie musikalisch. Deshalb benötigt Politik die Musik, vor allem um sie bei Bedarf missbrauchen zu können.

Aber ist das etwas Neues?

Politik machen und dann die Musik bemühen, damit man es nicht gleich so merkt, was die Politik wieder gemacht hat. Momentan ist das ziemlich angesagt. Wenn Sie zur Zeit an der Staatskanzlei vorbeigehen und gläubigen Herzens den mittels kühner Architektur zur politischen Pracht geronnenen Regierungssitz bewundern, dann hören sie ab und zu „Summ, Summ, Summ, Bienchen summ herum“ gesungen von verzweifelten Beamt*innen, die den Auftrag haben, das „Bienen“ – und das „Artenvielfalt“ -Volksbegehren in eine tischvorlagengerechte Regierungsinitiative umzuformulieren. Eine Aufgabestellung, gegen die auch maiandachtliches Dauerabsingen von „summ, summ, summ“ nichts hilft, weil das inbrünstigste Textaufsagen bereits im Mittelteil der ersten Strophe ins Stocken gerät.

Dort heißt es: „Ei, wir tun Dir nichts zu leide, Flieg nur aus in Wald und Heide“, was ja definitiv weder für die Bienen noch für andere gefährdete Tierarten stimmt. Doch, wir tun Euch „zu leide“, und wie! Wir alle tun das!
Und diejenigen, die die politischen Rahmenbedingungen dafür geschaffen haben, diese Tiere auszurotten, erreichen es auch, dass es den Volksentscheid durch die Annahme des Volksbegehren – Gesetzentwurfs nicht geben wird.
Dafür wird dieser Entwurf jetzt in den Mühlen der politischen Meinungsbildung so lange gehäckselt, bis er „passt“. Und was das in Bayern heißt, muss hier wohl kaum erläutert werden.

Der Text von „Summ, Summ, Summ“ übrigens, ist von Hoffmann von Fallersleben, den er 1835 geschrieben hat. Schon so alt ist der Text und immer noch so weise.

Und zum Schluss noch eine Anekdote vom Anfang. Denn Musik und Bienen hatten es immer schon miteinander.

Eine der ganz frühen Geschichten kennen wir aus der griechischen Mythologie und hat mit Orpheus zu tun. Derjenige, der mit seiner Musik Götter und Menschen betörte, wilde Tiere beruhigte, Pflanzen zum Zuhörern und Steine zum Weinen brachte.

Dieser Orpheus war verheiratet mit Eurydike, auf die der Halbbruder von Orpheus – Aristeus mit Namen – ein Auge geworfen hatte. Warum? Das verschweigt uns die Mythologie. Aber der Rest der Geschichte, die mit Eurydikes und später auch mit Orpheus` Tod endet, ist bekannt.

Was nicht so bekannt ist: Es gab noch ein tödliches Nachspiel; und zwar für die Bienen des Landwirts und Imkers Aristeus. Zur Strafe zerstörten Eurydikes Schwestern dessen Bienenstöcke. Doch wegen seiner guten Kontakte zu den damals zuständigen Agrar – Göttern erfuhr er ziemlich bald, wie er wieder an Bienen rankommen konnte. Das kostete allerdings einigen Jungkühen und vier Stieren das Leben. Nach ihrer Schlachtung wurden sie im Freien liegen gelassen, damit aus deren verwesenden Körpern neue Bienenvölker entstehen konnten.

Ohne Witz, der Vorgang hat sogar einen Fachausdruck: Bugonie – das ist die Vorstellung über die Neuentstehung von Bienen (und auch anderen Insekten), die in der Antike und auch noch im Mittelalter ziemlich verbreitet war.

Inzwischen ist es jedoch nicht mehr zu verheimlichen, dass durch die derzeitige Optimierung der Bauernhöfe hin zu Industrie – Betrieben, die Bugonie, die auf eine intakte Bienen – Infrastruktur existenziell angewiesen ist, nicht mehr funktioniert.

Wenn sie je funktioniert hat.
Das weiß man aber nicht so genau.
Denn früher, da gab es ja noch Bienen.
Pech gehabt.
Wer?
Na, wir!
Wir sollten halt nicht nur nachdenken, über Heimat;
gegebenenfalls auch mal handeln, für die Heimat;
und wenn es sein muss, sogar in einem Neuen Hoagartn!«
Cornel Franz

Der gebürtige Freiburger Cornel Franz (*1946) begann nach seinem Abitur in München ein Musik-, Theaterwissenschaft- und Germanistikstudium, hat es aber 1970 wegen eines verlockenden Vertragsangebots abgebrochen. Das Angebot brachte ihn anfangs als Inspizient, kurz danach als Regieassistent zu den Bayreuther Festspielen. Dann ging es nach Dortmund und an die Hamburgische Staatsoper. Dort begann auch seine Karriere als freier Regisseur u.a. in Ulm, Bremen, Mannheim, der Deutschen Oper Berlin, der Staatsoper München und weiter nach Wien, Paris und Los Angeles. Gleichzeitig begann er Theater – Musik – Projekte zu entwickeln, die er ab Beginn der 80er Jahre auch realisierte. Von 1989 bis 2013 leitete er den Musiktheater- und Schauspiel- Studiengang Regie der Hochschule für Musik und Theater / Bayerische Theaterakademie August Everding. 1993 wurde er künstlerischer Leiter der Experimentierbühne LABOR und dann bis 2006 Programmmacher der Reihe FESTSPIEL+ der Bayerischen Staatsoper. Auch heute ist seine Kreativität, die auf jahrelangen Erfahrungen mit der Entwicklung und Durchführung interdisziplinärer Programmkonzeptionen basiert, immer noch gefragt.

»Im Neuen Hoagartn II« von Cornel Franz

„Der Neue Hoagartn“ des 15. aDevantgarde-Festivals ließ das bayerische Volksmusik-Format der Gleichzeitigkeit von Musizieren, Zuhören, Vortrag, Essen und Trinken im neuen Gewande neu Aufleben: statt Volksmusik erklangen zeitgenössische Musik, verfremdete Musik, neue Volx-Musik, elektronische Musik, Alte neu re-komponierte Musik, Elektronik-Gstanzl und jetztmusikalische Koloraturen. Zum Hoagartn gehören auch Wortbeiträge. Satirisch, kritisch und die Situation des alten und neuen Hoagartns selbstreflektierend tat dies Cornel Franz, den man als Autor, Regisseur, emeritierter Hochschulprofessor, Welt-, München- und Selbstbeobachter kennt. Wie die Musiker sass er mitten unter den essenden und trinkenden Zuhörern – die Grenzen zwischen Publikum und Musikern sind hier kulinarisch und örtlich aufgehoben – und begann nach weiteren Musikbeiträgen, die seiner ersten Lesung folgten, weiter zu lesen:

»Kennen Sie die aDevantgarde-Hoagartn-Frequently-Asked-Questions – die ADE-HO-FAQs? Nein? Hier sind sie:

Frage: ist ein aDevantgarde-Hoagartn so, wie ein Hoagartn zu sein hat?
Antwort: Tatsächlich ist es unhöflich, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten. Aber woher wissen Sie, wie ein Hoagartn zu sein hat?

Frage: Natürlich, ein Treffen an dem JEDER, der ein Instrument spielen kann und im Hoagartn mitmachen will, auch mitmachen darf.
Antwort: Steht das so im Internet?

Frage: Warum?
Antwort: Weil, ist Musik machen nicht etwas komplizierter?

Frage: Wie wird heute Abend das Verhältnis von traditioneller zu zeitgenössischer Musik sein?
Antwort: Nach dem bewährten zeitgenössischen Verhältniskoeffizienten: 23,5 zu 72,3. Die restlichen 4,2 befinden sich noch in der Konzept – Improvisationsphase.

Frage: Ist das richtig, dass ein Münchner Gartencenter, diese Veranstaltung großzügig unterstützt, weil dessen Geschäftsleitung davon ausgeht, dass ein Hoagartn immer in einem Garten stattfindet?
Antwort: Wenn das „fake news“ wären, sind sie falsch, wenn das keine „fake news“ sind, wären sie ebenso falsch.

Und noch eine Frage aus aktuellem Anlass: Welche Musik wird als Kaufhausmusik – Dauerschleife in den Gängen des Bundesinnnenministeriums gespielt, wenn dem heute noch amtierenden Bundesheimatminister sein Lächeln – so wie beim „Joker“ in „The Dark Night“ – in seiner Visage dauer-gefriert, nachdem es ihm gelungen sein wird, die Abschaffung der Pressefreiheit durch heimliche Online – Durchsuchung von Redaktionen ohne richterliche Genehmigung, durch den Bundestag gebracht zu haben?
Antwort: Wir rechnen fest mit dem berühmten „Sondermeldung – Thema“ aus „Les Preludes“ von Franz Liszt.

Und nun die allerletzte Frage: gibt es eine Moderation?
Antwort: NATÜRLICH!!

Aber man fragt sich manchmal schon, warum etwas angesagt werden soll was jeder kennt. Und warum man etwas ansagen muss, was niemand kennen kann, weil es noch nie gespielt wurde. Wäre eine Absage da nicht sinnvoller? So wie:

„Hätten Sie das, was Sie gerade gehört haben, anders gehört, wenn vorher eine Ansage gemacht worden wäre“? Wir sind gespannt auf ihre Meinung.

In dem Zusammenhang bitten die hier im Einstein arbeitenden Kulturschaffenden bei der Präsentation ihrer Werke von Meinungsäußerungen per Zunge abzusehen, so wie das der Namensgeber des Kulturzentrums mit 72 Jahren immer noch praktiziert hat.

Doch bevor wir uns näher mit der Zunge des Herrn Einstein / und vor allem mit ihren Ausflug als „model“ und „logo“ in die pop – musikalische Welt der „Rolling Stones“ beschäftigen, sollten wir uns einem Thema zuwenden, das einfach in einen Hoagartn gehört: HEIMAT:

´Traue keiner Heimat, die Du nicht selbst manipuliert hast`.

In dieser Heimat gibt es * Sonnenuntergangs – Poster mit einretuschiertem Alpenglühen zum Sonderpreis; * unser Stadtteil unser Weiler / unser Dorf wird schöner – Aktionismus; * Ferienwohnungen mit integriertem Stallgeruch, auch für Tier – Allergiker geeignet; * Trachtenvereinsangebote: „In einer Woche Jodeln lernen“ mit Übernachtung und Vollpension, Schrägstrich regionale Küche, auf Wunsch auch vegan“; und so weiter und so fort //

Das ist: Heimat-Punkt-Eins. Die ist dafür da, um richtig Geld zu machen; so nach dem Prinzip Hansi Hinterseer; oder nach dem Füssen-Flop-Prinzip namens „Ludwigs Festspielhaus“ Denn auch mit Kohle verlieren, kann man Geld verdienen. Heimat-Punkt-Eins eignet sich auch für ideologische Aufrüstung. Der Verkauf der ´richtigen` Mischung von heimatlichen Gefühlen, Überfremdungszenarien und Vertreibungsängsten, zahlt sich spätestens nach der nächsten Wahl in Form von Geldüberweisungen via Parteienfinanzierung aus. Garantiert!

Heimat kann man kaufen und sich von Amazon schicken lassen. Dann ist Heimat da, auch wenn man sie nicht braucht; und was man hat, darüber muss man nicht nachdenken.

Das ist Heimat-Punkt-Eins //

Und dann gibt es noch eine Heimat ohne Punkt, ohne Eins, ohne das Alles.

Edgar Reitz hat das so formuliert: „Heimat ist immer etwas Verlorenes, eine Sehnsucht, die sich nie erfüllen lässt“; und genau das sind auch die Themen, die seine Filme so sehenswert machen: das Komplexe und das Komplizierte; das kaum Greifbare; das sich so oft verändert; das, was so schön ist und so wehtun kann; das, um was man sich kümmern muss, damit „Sein“ nicht „Haben“ wird.

Noch ist Hoagartn Heimat.«
Cornel Franz 

Der gebürtige Freiburger Cornel Franz (*1946) begann nach seinem Abitur in München ein Musik-, Theaterwissenschaft- und Germanistikstudium, hat es aber 1970 wegen eines verlockenden Vertragsangebots abgebrochen. Das Angebot brachte ihn anfangs als Inspizient, kurz danach als Regieassistent zu den Bayreuther Festspielen. Dann ging es nach Dortmund und an die Hamburgische Staatsoper. Dort begann auch seine Karriere als freier Regisseur u.a. in Ulm, Bremen, Mannheim, der Deutschen Oper Berlin, der Staatsoper München und weiter nach Wien, Paris und Los Angeles. Gleichzeitig begann er Theater – Musik – Projekte zu entwickeln, die er ab Beginn der 80er Jahre auch realisierte. Von 1989 bis 2013 leitete er den Musiktheater- und Schauspiel- Studiengang Regie der Hochschule für Musik und Theater / Bayerische Theaterakademie August Everding. 1993 wurde er künstlerischer Leiter der Experimentierbühne LABOR und dann bis 2006 Programmmacher der Reihe FESTSPIEL+ der Bayerischen Staatsoper. Auch heute ist seine Kreativität, die auf jahrelangen Erfahrungen mit der Entwicklung und Durchführung interdisziplinärer Programmkonzeptionen basiert, immer noch gefragt.

»Im Neuen Hoagartn I« von Cornel Franz

„Der Neue Hoagartn“ des 15. aDevantgarde-Festivals ließ das bayerische Volksmusik-Format der Gleichzeitigkeit von Musizieren, Zuhören, Vortrag, Essen und Trinken im neuen Gewande neu Aufleben: statt Volksmusik erklangen zeitgenössische Musik, verfremdete Musik, neue Volx-Musik, elektronische Musik, Alte neu re-komponierte Musik, Elektronik-Gstanzl und jetztmusikalische Koloraturen. Zum Hoagartn gehören auch Wortbeiträge. Satirisch, kritisch und die Situation des alten und neuen Hoagartns selbstreflektierend tat dies Cornel Franz, den man als Autor, Regisseur, emeritierter Hochschulprofessor, Welt-, München- und Selbstbeobachter kennt. Wie die Musiker sass er mitten unter den essenden und trinkenden Zuhörern – die Grenzen zwischen Publikum und Musikern sind hier kulinarisch und örtlich aufgehoben – und begann nach den ersten Musikbeiträgen plötzlich zu lesen:

»Früher – in einem Hoagartn – früher, da kannte man die Musik ; früher, ja, da wusste man, was zu sagen war; und lustig konnte man labern. Aber jetzt bei dem Neuen Hoagartn mit seinen Uraufführungen, dem Motto: „drunter und drüber“, dem Jodeln beim Einlass, der doch nicht der Beginn sein kann, weil ein Anfang eigentlich von vorne losgeht …

Und der, der redet, der kann ja nicht einmal richtig „Hoagartn“ aussprechen; dann wird es sicher „kurz“ – wobei das keine Spitze gegen unsere alpenländische Nachbarschaft sein soll, im Gegenteil, jetzt wo sie bei der Neubesetzung ihrer wichtigsten Regierungsämter die ganz große Quotennummer gezogen haben, war das mit dem Kurz wirklich nicht lang – doch weiter im Text und der Frage ob es lang oder kurz werden wird – der Redner des von ihm Selbst Geschriebenen hat einen unangenehm – nuscheligen Sprechton. Und wenn Jemand sich seine eigenen Texte nicht merken kann, dann weiß man doch was los ist.

Das Einzige, was er noch auswendig hin bekommt ist:

„Natürlich-habe-ich-recht“!

Und so geht es denn auch los: „Natürlich habe ich Recht! Allein schon das Motto – eine Katastrophe; und im Neuen Hoagartn wird bereits beim Jodeln Einiges von „Drüber“ nach „Drunter“ fallen. Und wer räumt dann auf ?

Meinen Sie, dass dann ein heimatlich gekleideter Mensch auftritt, der sich dann auch noch alpenländisch verhält und beim Aufräumen über „gemütliche Tümlichkeit“ oder „volksmusikalische Humorigkeit“ referiert; von „Lindenlaminat im LandhausStil“ schwärmt? Und der sich immer noch darüber freut, wie elegant vor Kurzen bei der 100 – Jahre – Freistaat – Feier der Name des ersten Bayerischen Ministerpräsidenten „vergessen“ wurde.

Nein, dem ist nicht so. Im Neuen Hoagartn wird probiert.

Zum Beispiel so etwas:

„Sie hören jetzt den ‚Bayerischen Defiliermarsch'“

Reaktion des Auditoriums: Großer Jubel.

„Komponiert von unserem Militärmusiker Adolf Scherzer aus Ingolstadt, der bereits 1850 mit seinem Marsch für die bayerischen Könige und später auch für die dann ebenfalls bayerischen Ministerpräsidenten bei ihren Auftritten in Bierzelten den notwendigen akustischen Rahmen schuf.“

Grummelndes Desinteresse vor allem in den hinteren Reihen.

„Jetzt also: der Bayerische Defibrilliermarsch!“

Kurzer Jubel, denn Einige haben die Namensänderung doch mitbekommen.

„In der Fassung für 4 Piccoloflöten“!

Bei dem Reizwort „Piccoloflöten“ wird das Auditorium von einer Schockstarre ergriffen. Das nützen die Musiker aus und beginnen zu spielen; langsam schwindet die Angst des Publikums vor einer musikalischen Nah – Tod – Erfahrung. Sie gewinnen ziemlich schnell ihr Sprachvermögen zurück, von dem sie dann intensiv Gebrauch machen; und die Musiker*innen wissen jetzt, wie wenig es braucht, in unserer empörungsfreudigen Zeit einen Schockzustand herzustellen.

Das Beispiel ist frei erfunden und garantiert konzeptfrei.

Denn eigentlich geht es um den Hoagartn- Humor, der sich zu Recht mit dem Wörtchen „anarchisch“ schmücken darf und der aus einem Hoagartn einen guten Hoagartn machen kann.«
Cornel Franz 

Der gebürtige Freiburger Cornel Franz (*1946) begann nach seinem Abitur in München ein Musik-, Theaterwissenschaft- und Germanistikstudium, hat es aber 1970 wegen eines verlockenden Vertragsangebots abgebrochen. Das Angebot brachte ihn anfangs als Inspizient, kurz danach als Regieassistent zu den Bayreuther Festspielen. Dann ging es nach Dortmund und an die Hamburgische Staatsoper. Dort begann auch seine Karriere als freier Regisseur u.a. in Ulm, Bremen, Mannheim, der Deutschen Oper Berlin, der Staatsoper München und weiter nach Wien, Paris und Los Angeles. Gleichzeitig begann er Theater – Musik – Projekte zu entwickeln, die er ab Beginn der 80er Jahre auch realisierte. Von 1989 bis 2013 leitete er den Musiktheater- und Schauspiel- Studiengang Regie der Hochschule für Musik und Theater / Bayerische Theaterakademie August Everding. 1993 wurde er künstlerischer Leiter der Experimentierbühne LABOR und dann bis 2006 Programmmacher der Reihe FESTSPIEL+ der Bayerischen Staatsoper. Auch heute ist seine Kreativität, die auf jahrelangen Erfahrungen mit der Entwicklung und Durchführung interdisziplinärer Programmkonzeptionen basiert, immer noch gefragt.

14. aDevantgarde-Festival mit 21 Uraufführungen

Das 14. aDevantgarde-Festival ging am 28.5.17 mit der aDe-Lounge im Milla Live Club zu Ende. Das Verworner-Krause-Kammerorchester eröffnete das Festivalfinale, Künstler aus der aDevantgarde wie Markus Muench, Stefan Schulzki mit Beatrice Ottmann und das Duo Schöne/Schachtner stellten stellvertretend die hohe Individualität der Mitglieder des Münchner Komponistenvereins unter Beweis.

Die Stimmkünstlerin Frauke Aulbert rundete das Finale ab. Ungefähr 150 Musiker*innen und Sänger*innen wirkten bei einem reichhaltigen Programm mit, das zudem 21 Uraufführungen umfasste. Komponist*innen aller Altersstufen trafen auf vorwiegend junge Interpret*innen: Vom Landesjugendensemble Berlin mit seinen z.T. noch minderjährigen Mitgliedern über die gerade erst ihre Studien abgeschlossen habenden Musiker*innen des NAMES Ensemble bis hin zum Experimental-Quartett Nikel. Gemeinsam mit den Künstler*innen von „Eine Tollerey – 1917/2017“ war jedes dieser Konzerte ein Ereignis, immer durchwegs auf hohen Niveau musiziert.

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Festivalleiter 14. aDevantgard-Fetival 2017: Samuel Penderbayne & Alexander Strauch

Ein besonderer Höhepunkt des Festivals waren an drei Tagen die beiden im Freien stattfindenden Veranstaltungen „Occupy: Ein künstlerisches Happening“ und „Quodlibet“ auf dem Celibidacheforum vor dem Gasteig München. Occupy vereinte u.a. Profis mit dem inklusorischen Performance-Kollektiv AbArt, forderte zum spontanen Mitmachen auf und war ein Showcase für junge, internationale Musikschaffende.

Quodlibet brachte um die 90 Sänger*innen Münchner Laienchöre verschiedenster Genres in einem Werk zusammen. Fazit: das Festivalmotto „coraggio“, zu deutsch Mut, erforderte Mut, machte aber auch Mut. Mit ihrem Konzept bescherten die beiden Festivalleiter Samuel Penderbayne und Alexander Strauch München ein kompaktes und zugleich in vielen Facetten ausdifferenziertes Programm aktueller Musik.

2015 – das 13. aDevantgarde-Festival steht vor der Tür!

September 2014, erst. Doch das Team um die Festivalleiter Johannes X. Schachtner und Alexander Strauch arbeitet fleissig an der Umsetzung der Ideen für das nächste Festival. Viel könnte man bereits ausplaudern, dennoch wird noch nicht viel verraten.

Der Zeitpunkt: 9. – 15. Juni 2015,

Motto: humus

Dahinter verbirgt sich die organische Bodensubstanz, auf der alles Lebendige gedeiht und darin seine Wurzeln schlägt. Wie in der Ökologie geht aus Vergangenem in der Kultur Neues hervor.

Heute ist die Neue Musik und ihre weitere Entwicklungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts selbst Vergangenheit geworden. Auf ihr gründet das Wesen der zeitgenössischen Musik, möchte sich allzu gerne immer mehr davon abnabeln und ist doch fest in ihr verankert. Die „Neue Musik“ ist also der Humus der sich erst allmählich selbst findenden Gegenwart der Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts.

Sonst? Abwarten! Nur noch dies: 6 Tage, 5 Orte, 8 Konzerte, 44 Werke, 100 Musiker… Bleibt uns auf den Fersen!

 

Dogma.Antidogma – Buchstabensalat

Der Aufbau für DOGMA.ANTIDOGMA & SHOWOFF im Club Bob Beaman, 19:30 Uhr läuft. Hoffentlich gibt es derweil ich diesen Salat anmache dort keinen Kabelsalat…

Kombinationswörter         Rest

Tina Maggod               — doma

Mint Dog                    —- aAdogma

An „A“ Dogma             —- Mitdog

God damm                 —- Antioga

I am good                   —- Antdgma

an Dom, go I              —- Atdgma

Ti amo                        —- DogmaAndg

Andi mag Domtag      —- o

Dogmamontag           —- ida

Ida mag Montag         —- Do

I am a Dogma-Dog     —- t

Adam, I am not God   —- g

do ga ma nit, ma god —-

Von Essen nach München – Reisebericht einer Expedition von Gordon Kampe

München ist eigentlich nicht ganz aus der Welt, aber wegen Alexanders Frage nach einem Reisebericht fühlt sich’s nun wie eine Expedition an. München ist für mich Urlaub. Da machten wir früher auf dem Weg nach Tirol immer mal Halt. Wenn ein Berg nur in der Nähe ist, flippe ich förmlich aus. In meiner Heimatstadt gibt es nur den Gysenberg, der immerhin krasse 42 Meter hoch ist und auf dessen Gipfel ein Streichelzoo prangt.

Außerdem: Weißwürste. Ich liebe Weißwürste. Und auch wenn das schreckliche Touri-Verarsche ist und das kein Einheimischer je tut: Ich werde nachher auf dem Viktualienmarkt Weißwürste essen. – Mit dem Festival verbinde ich eine meiner ersten Aufführungen außerhalb des geschützten Hochschulrahmens: Ich durfte vor gefühlten 100 Jahren ein Lied zum Dichterlieben Zyklus (Thomas Berau und Moritz Eggert) beisteuern und habe vor der ersten Probe fast hyperventiliert. Dann erinnere ich mich noch sehr gerne an ein anderes aDevantgarde-Stück für alte Instrumente. Das war toll, glaube ich. Danach habe ich noch ein Kinderstück geschrieben – das ging schief. Ich hab’s versemmelt und der latent angezwitscherte Regisseur hatte dann auch noch ein paar Ideen. Ich muss da also etwas gutmachen in München…

Ich schreibe das hier im ICE zwischen Essen und Düsseldorf. Es ist erst 7:05h und ich musste mich vor 15 Minuten leider mit diesem Knilch beim Bäcker anlegen, der dauernd „wass’n noch, guter Mann?“ zu mir sagte, während ich Entscheidungen zu fällen hatte. Ich werde immer fuchtig, wenn ich vor dem ersten Kaffee schon angerappt werde. Vor ein paar Jahren hatte ich so einen Hilfshiphopper mal im Seminar. Es ging um frühe Mehrstimmigkeit. Sagt der Student mit Mütze: „Yo. Leonin und Perotin: die hatten voll den Score.“ Der Bruder konnte sich die Credits knicken. Yo. In der Woche drauf war „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ dran. Da hieß es dann: „Yo, seid Ihr alle im Hexenmood?“. Seitdem habe ich Vodoo-Puppen im Büro.

7:16h: Düsseldorf. Um politisch korrekt zu sein, muss man diese Schickimicki-Stadt doof finden. Finde ich natürlich auch. Aber es gibt hier tolle japanische Restaurants in der Nähe des Bahnhofs – und, fast noch besser, einen Koreaner: In das Bibimbap könnte man sich reinlegen, bekäme man von dieser roten Atomsoße nicht Verbrennungen dritten Grades.

7:41h: In Köln, der heiligen Stadt. Köln bekommt einen neuen Erzbischof, sein Name ist Ansgar Puff. Welcher Spaßverderber hat die Regel „no jokes with names“ aufgestellt? Als Freund unterirdischer Kalauer leide ich Höllenpein.

7:53h: Erster Höhepunkt des Tages: Der Krawattenheini, der was von Investment labert, hat sich sein Hemd inklusive Krawatte gerade komplett mit Kaffee besudelt. Herrlich. Jetzt schmollt der Ärmste, och. Wir sind noch im Rheinland – hier wirkt die Macht des neuen Papstes besonders stark.

8:36h: Frankfurt Flughafen. Fleckenkrawatte fragt seine Kollegin: „Was ist dein Objective für das Meeting heute?“ Wenn der so weitermacht, ist die Hose auch bald hin. Ansonsten: Stimmung im Wagen 27. Eine chinesische Reisegruppe hat soeben das Abteil geentert – Gott sei Dank funktioniert die Reservierungsanzeige nicht. So ist das viel lustiger.

9:40h: Viertelstunde Verspätung in Aschaffenburg und meine Frau, soeben erwacht, verspeist ihr Wurstcroissant. Unsere Ehe wird diesen kulinarischen Affront aushalten.

11:48h: Bis jetzt hat die chinesische Reisegruppe ein kollektives Nickerchen gemacht. Nun scheint der Herr mit dem Uhrzeitgähnen schräg gegenüber leicht verspannt zu sein. Seine Gemahlin eilt ihm zu Hilfe, entblößt seinen Oberkörper zu 38% und knetet ihn wild durch, während sich sein Uhrzeitgähnen zu einem kosmischen Grunzen verdichtet. Das erinnert mich schmerzhaft an den ersten Besuch bei meinen taiwanesischen Schwiegereltern. Schwiegervater lud mich zu einer Massage ein. Da Wellness voll mein Ding ist, willigte ich ein – nicht ahnend, dass das, was dort unter Massage verstanden wird, bei uns unter „Verprügeln“ firmiert. Plötzlich lag ich da und zwei ältere Herren (die angeblich noch persönlich gegen Mao gekämpft haben) liefen auf mir herum bis es knackte. Oh, hätte ich mein Aufnahmegerät dabei gehabt.

12:05h: Da ist ein Hopfenfeld! Irgendwas in mir will jodeln.

12:09h: Wir halten außerplanmäßig neben einem Rehgatter. Irgendwas in mir hat Hunger.

13:10h: Angekommen im Hotel. Diese Bildschirmfische machen mich fertig. Vor Beginn des Festivals jetzt noch ein bisschen Touri sein.

Nischenmusik und Klopfgeister von Gordon Kampe

Gordon Kampe hat seine Uraufführung „Nischenmusik mit Klopfgeistern“ am 22.6.13, 19:30 Uhr im Club Bob Beaman mit dem Decoder-Ensemble. Doch zuvor lässt er uns ganz privat in die Ecken seines Heimes blicken:

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Abb. 1

Beim Suchen nach Nischen in meiner Wohnung habe ich festgestellt, dass sich unbemerkt und direkt vor meinen Augen eine prächtige Nischentheorie entwickelt hat. Die genormt langweiligen Schwedenmöbel etwa, hinterlassen herrliche Nischen im dämlich geschnittenem Heim, die mit wirklich wichtigen Dingen gefüllt werden wollen, z. B. einem Massagekissen. Im Arbeitszimmer, an jenem unheimlichen Ort zwischen Gedöhnsablage und Schreibtischfuß, habe ich mein Theremin untergebracht. Vgl. dazu Abb. 1. (In anderen Nischen ahne ich Geld und Kekse.)

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Abb. 2

Wenn der Rahmen der Nische hingegen vor Schönheit nur so strotzt – vgl. dazu Abb. 2: Klavier und Bücher – dann kann die Nische auch mal leer bleiben. In Nischen kann also sehr viel Schönes stattfinden, wenn der Rahmen Mist ist. Deshalb fühlt man sich ja manchmal in der Nische auch so pudelwohl. Und gerade deshalb sollte keine Nische ohne Klopfgeister auskommen. Sie sind es, die in der Nische Unruhe stiften. Sie sind es auch, die aus der Nische herausragen. Geht man an der Nische vorbei, muss es schon ordentlich aus ihr klopfen, wenn sie wahrgenommen werden will. Sonst interessiert sich keine Sau dafür und sie wird entweder vollgerümpelt oder, noch schlimmer, von mobilen IKEA-Eingreiftruppen genormt und ent-nischt. Gordon Kampe

Sebastian Schwab bloggt für’s Festival I

Der jüngste Komponist des Festivals ist Sebastian Schwab, dessen Stück „Capriccio“ für Posaune und Violine/Klavier im Rahmen von „my favourite little dogma“ am 22.6.13, 17 Uhr, Bayerische Akademie der Schönen Künste erklingen wird. In mehreren kurzen Texten wird er seine Eindrücke vom Weg zum Stück, dessen Aufführung und das Festival im Gesamten berichten. Hier der erste:

Ein leeres Notenblatt, leere Notenzeilen…wunderschöne Sekunden für jeden Komponisten, die man genießen muss…bevor man seine Gedanken und Gefühle freilässt und die erste Note wagt. Von nun an muss man es sprudeln lassen und den Moment leben.

Irgendwann ist die Komposition fertiggestellt und man erwartet mit Vorfreude die erste Probe, wenn man mit anderen Musikern sein Innerstes in Klang verwandelt. Heute durfte ich diese spannende Situation aufs Neue erleben. Und jetzt kann ich es nicht mehr erwarten, meine Musik dem Publikum, Freunden und anderen Komponisten zu Gehör zu bringen. Sebastian Schwab

Freiheit und Geist, Entscheidung und Gebundenheit – eine Hommage an Sandeep Bhagwati von Alexander Strauch

Am Fr., 21.06.13, 19:30 Uhr, Allerheiligenhofkirche, ist Sandeep Bhwagwatis Uraufführung der erste Kristallisationspunkt des Festivals in AENIGMA et STUPOR mit Iris Lichtinger und Stefan Blum. Rätsel und Erstarrung mag die Musik des Abends sein, die Erinnerung und das Erlebnis dieser aus der Hand Sandeeps bedeutet für mich Wachheit und Klarsinn. Denke ich an Sandeep Bhagwati, sehe ich Gandalf vor dem inneren Auge. Sandeep ist für mich immer so etwas wie das ästhetischen Gewissen der A•DEvantgarde gewesen. Damals, das war Anfang der Neunziger Jahre, schrieb sich das jetzige aDevantgarde-Festival noch so. Das erste Festival hatte ich als Besucher erlebt, das zweite, eines der größten Festivals der aDevantgarde-Historie überhaupt, räumte mir Platz als einer der jüngsten Komponisten ein. Hierfür sei vor allem Sandeep gedankt, der nach Vermittlung einer gemeinsamen Freundin den Mut aufbrachte, mich in der Marathonnacht mit einem Trio zu präsentieren. Allerdings verschoben sich alle Zeiten brutalstmöglich in die Nacht hinein, so dass mein Stück letztlich ausserhalb des Festivals im Kaminzimmer der Musikhochschule lief. Dies war oder wäre auch mein einziger Auftritt als Instrumentalist auf unserem Festival gewesen. Immerhin waren wir kurzzeitig sogar noch Studienpartner, er im letzten Jahr der Meisterklasse, ich im ersten Jahr des Grundstudiums.

Das vereinfachte den Zugang zu Sandeep, mit ihm über Musik zu sprechen. Unser Lehrer von Bose analysierte mit uns Debussys „Pelléas et Mélisande“, um wohl zu zeigen, dass trotz all der fantastischen Neuerungen in Klang und Charakteregestaltung die Dramaturgie an sich dieses symbolistischen Stückes fragwürdig sei, da man niemals langweilen dürfe. Sandeep ergriff immer Partei für das Poetische im Dramatischen. Ich war da zwischen beiden Meinungen immer hin und her gerissen, konnte dem Poetischem und der Debussyschen Ablösung vom Vorbild Wagner, besonders dessen Parsifal, aber doch auch eine Menge abgewinnen. So kurz nur ich Sandeep als Student erleben durfte, so strahlte er eine ästhetische Sicherheit und Erhabenheit aus, die es mit dem Professorenkollegium aufnehmen konnte. Dieses rächte sich bitterlich, indem es Sandeep nach satiehaften und wunderschönen minimalistischen Dadaismen seines Meisterklassenpodiums durchfallen ließ. Sandeep trat als eigener Pianist auf, zeigte sehr deutlich seine Grenzen am Klavier, hinterfragte dies aber mit einer eigenen hintersinnigen Geistigkeit, der das damalige Kollegium nicht folgen wollte.

Sieht man nur kurz auf die späteren Stationen Sandeeps, schadete dies ihm nicht, wurde er trotzdem Professorenkollege Rihms in Karlsruhe, erhielt er den Ruf an die Concordia-Universität im kanadischem Montréal. Die Lust am Spielen mit dem Material einer Komposition, nicht nur im Laufe des Kompositionsprozesses, sondern auch im Moment der Aufführung selbst, die eigene Hinterfragung im Moment von sonst festgelegter und eingeübter Interpretation, das Wachhalten des Geistigen im jeden Moment des spielerischen Daseins, verfolgte er weiter und schuf für sich die Form der „Komprovisation“, der komponiereten Improvisation. Das Wachhalten des Spirituellen im jeden Moment könnte man auf seine indischen Wurzeln zurückführen. Dieser indische, deutsche, schweizerische und kanadische Mensch ist aber viel eher ein waschechter Kosmopolit. So thematisierte er die Fremdheit von Menschen in unserer Zeit als Migranten, sei es als riesige Oper wie seinem „Ramanujan“. Oder sei es als Geschichte von drei Frauen, drei Schwestern, die niemals ihre Wohnung in Bombay verliessen und ihrerseits als dem lokalem Verwurzelte von ihrer mobileren Umgebung als befremdlich empfunden worden sind. Das Stück „Trois Femmes“ vereinigte durch das programmierte Reagieren der Elektronik auf die Aktionen der drei Darstellerinnen schon weit vorausschauend Sandeeps Stil Mitte der Neunziger Jahre am Pariser IRCAM. Für das diesjährige Festival kehrt Sandeep nun endlich an einen seiner Ausgangspunkte zurück.

Mit „Nirgun Bhajan“ für Schlagwerk und singende Blockflötistin greift er literarisch und musiktheoretisch die indische Tradition auf. Übersetzt könnte der Titel in etwa „Lieder der göttlichen Leere“ heissen. Das Schlagwerk gibt mit den unterschiedlichen Idiophonen das Tonmaterial vor, welches dann beide Musiker in strenger Einstimmigkeit gemeinsam durchleben. Sandeep sagt dazu: „Obwohl alles in dieser Partitur notiert ist, wird jede Einstudierung dennoch ganz eigen sein, bestimmt von den Fähigkeiten und Entscheidungen der ausführenden Musiker.“ So blieb er sich über die Jahrzehnte treu, verbindet Minimales mit Momenten der Freiheit, was ja auch Spiritualität auszeichnet: sich hingeben, dies aber vollkommen frei vornehmen, jederzeit darin selbst einsteigend wie auch das Ende bestimmen könnend, was aber meist ausbleibt, taucht man erst einmal in die Welt des Geistigen ein.