»Im Neuen Hoagartn II« von Cornel Franz

„Der Neue Hoagartn“ des 15. aDevantgarde-Festivals ließ das bayerische Volksmusik-Format der Gleichzeitigkeit von Musizieren, Zuhören, Vortrag, Essen und Trinken im neuen Gewande neu Aufleben: statt Volksmusik erklangen zeitgenössische Musik, verfremdete Musik, neue Volx-Musik, elektronische Musik, Alte neu re-komponierte Musik, Elektronik-Gstanzl und jetztmusikalische Koloraturen. Zum Hoagartn gehören auch Wortbeiträge. Satirisch, kritisch und die Situation des alten und neuen Hoagartns selbstreflektierend tat dies Cornel Franz, den man als Autor, Regisseur, emeritierter Hochschulprofessor, Welt-, München- und Selbstbeobachter kennt. Wie die Musiker sass er mitten unter den essenden und trinkenden Zuhörern – die Grenzen zwischen Publikum und Musikern sind hier kulinarisch und örtlich aufgehoben – und begann nach weiteren Musikbeiträgen, die seiner ersten Lesung folgten, weiter zu lesen:

»Kennen Sie die aDevantgarde-Hoagartn-Frequently-Asked-Questions – die ADE-HO-FAQs? Nein? Hier sind sie:

Frage: ist ein aDevantgarde-Hoagartn so, wie ein Hoagartn zu sein hat?
Antwort: Tatsächlich ist es unhöflich, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten. Aber woher wissen Sie, wie ein Hoagartn zu sein hat?

Frage: Natürlich, ein Treffen an dem JEDER, der ein Instrument spielen kann und im Hoagartn mitmachen will, auch mitmachen darf.
Antwort: Steht das so im Internet?

Frage: Warum?
Antwort: Weil, ist Musik machen nicht etwas komplizierter?

Frage: Wie wird heute Abend das Verhältnis von traditioneller zu zeitgenössischer Musik sein?
Antwort: Nach dem bewährten zeitgenössischen Verhältniskoeffizienten: 23,5 zu 72,3. Die restlichen 4,2 befinden sich noch in der Konzept – Improvisationsphase.

Frage: Ist das richtig, dass ein Münchner Gartencenter, diese Veranstaltung großzügig unterstützt, weil dessen Geschäftsleitung davon ausgeht, dass ein Hoagartn immer in einem Garten stattfindet?
Antwort: Wenn das „fake news“ wären, sind sie falsch, wenn das keine „fake news“ sind, wären sie ebenso falsch.

Und noch eine Frage aus aktuellem Anlass: Welche Musik wird als Kaufhausmusik – Dauerschleife in den Gängen des Bundesinnnenministeriums gespielt, wenn dem heute noch amtierenden Bundesheimatminister sein Lächeln – so wie beim „Joker“ in „The Dark Night“ – in seiner Visage dauer-gefriert, nachdem es ihm gelungen sein wird, die Abschaffung der Pressefreiheit durch heimliche Online – Durchsuchung von Redaktionen ohne richterliche Genehmigung, durch den Bundestag gebracht zu haben?
Antwort: Wir rechnen fest mit dem berühmten „Sondermeldung – Thema“ aus „Les Preludes“ von Franz Liszt.

Und nun die allerletzte Frage: gibt es eine Moderation?
Antwort: NATÜRLICH!!

Aber man fragt sich manchmal schon, warum etwas angesagt werden soll was jeder kennt. Und warum man etwas ansagen muss, was niemand kennen kann, weil es noch nie gespielt wurde. Wäre eine Absage da nicht sinnvoller? So wie:

„Hätten Sie das, was Sie gerade gehört haben, anders gehört, wenn vorher eine Ansage gemacht worden wäre“? Wir sind gespannt auf ihre Meinung.

In dem Zusammenhang bitten die hier im Einstein arbeitenden Kulturschaffenden bei der Präsentation ihrer Werke von Meinungsäußerungen per Zunge abzusehen, so wie das der Namensgeber des Kulturzentrums mit 72 Jahren immer noch praktiziert hat.

Doch bevor wir uns näher mit der Zunge des Herrn Einstein / und vor allem mit ihren Ausflug als „model“ und „logo“ in die pop – musikalische Welt der „Rolling Stones“ beschäftigen, sollten wir uns einem Thema zuwenden, das einfach in einen Hoagartn gehört: HEIMAT:

´Traue keiner Heimat, die Du nicht selbst manipuliert hast`.

In dieser Heimat gibt es * Sonnenuntergangs – Poster mit einretuschiertem Alpenglühen zum Sonderpreis; * unser Stadtteil unser Weiler / unser Dorf wird schöner – Aktionismus; * Ferienwohnungen mit integriertem Stallgeruch, auch für Tier – Allergiker geeignet; * Trachtenvereinsangebote: „In einer Woche Jodeln lernen“ mit Übernachtung und Vollpension, Schrägstrich regionale Küche, auf Wunsch auch vegan“; und so weiter und so fort //

Das ist: Heimat-Punkt-Eins. Die ist dafür da, um richtig Geld zu machen; so nach dem Prinzip Hansi Hinterseer; oder nach dem Füssen-Flop-Prinzip namens „Ludwigs Festspielhaus“ Denn auch mit Kohle verlieren, kann man Geld verdienen. Heimat-Punkt-Eins eignet sich auch für ideologische Aufrüstung. Der Verkauf der ´richtigen` Mischung von heimatlichen Gefühlen, Überfremdungszenarien und Vertreibungsängsten, zahlt sich spätestens nach der nächsten Wahl in Form von Geldüberweisungen via Parteienfinanzierung aus. Garantiert!

Heimat kann man kaufen und sich von Amazon schicken lassen. Dann ist Heimat da, auch wenn man sie nicht braucht; und was man hat, darüber muss man nicht nachdenken.

Das ist Heimat-Punkt-Eins //

Und dann gibt es noch eine Heimat ohne Punkt, ohne Eins, ohne das Alles.

Edgar Reitz hat das so formuliert: „Heimat ist immer etwas Verlorenes, eine Sehnsucht, die sich nie erfüllen lässt“; und genau das sind auch die Themen, die seine Filme so sehenswert machen: das Komplexe und das Komplizierte; das kaum Greifbare; das sich so oft verändert; das, was so schön ist und so wehtun kann; das, um was man sich kümmern muss, damit „Sein“ nicht „Haben“ wird.

Noch ist Hoagartn Heimat.«
Cornel Franz 

Der gebürtige Freiburger Cornel Franz (*1946) begann nach seinem Abitur in München ein Musik-, Theaterwissenschaft- und Germanistikstudium, hat es aber 1970 wegen eines verlockenden Vertragsangebots abgebrochen. Das Angebot brachte ihn anfangs als Inspizient, kurz danach als Regieassistent zu den Bayreuther Festspielen. Dann ging es nach Dortmund und an die Hamburgische Staatsoper. Dort begann auch seine Karriere als freier Regisseur u.a. in Ulm, Bremen, Mannheim, der Deutschen Oper Berlin, der Staatsoper München und weiter nach Wien, Paris und Los Angeles. Gleichzeitig begann er Theater – Musik – Projekte zu entwickeln, die er ab Beginn der 80er Jahre auch realisierte. Von 1989 bis 2013 leitete er den Musiktheater- und Schauspiel- Studiengang Regie der Hochschule für Musik und Theater / Bayerische Theaterakademie August Everding. 1993 wurde er künstlerischer Leiter der Experimentierbühne LABOR und dann bis 2006 Programmmacher der Reihe FESTSPIEL+ der Bayerischen Staatsoper. Auch heute ist seine Kreativität, die auf jahrelangen Erfahrungen mit der Entwicklung und Durchführung interdisziplinärer Programmkonzeptionen basiert, immer noch gefragt.

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