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Multitasking und Messe – Johannes X. Schachtner im Interview zu unserer beider künstlerischen Leitung und seinem Projekt

Von Alexander Strauch

„MISSA EST!“ ist der Titel des Abschlusskonzerts am 23.6.13, 17 Uhr, in der Universitätskirche St. Ludwig und gleichzeitig das Motto des gesamten 12. Internationlen aDevantgarde-Festivals. Dieses Konzert ist die Idee von Johannes X. Schachtner, mit dem ich zusammen die Künstlerische Leitung inne habe. Johannes konnte für sein Projekt unseren neuen aDevantgarde-Kollegen Volker Nickel für die Komposition des Credos gewinnen, ein hochkomplexes, genaues und kleinteiliges Werk, dass förmlich die psychischen Strukturen des liturgischen Textes freilegt. Johannes erster Kompositionslehrer Rudi Spring vertonte die seit dem Barock der komponierten Messe fehlenden Teile wie Introitus, Responsorium, Offertorium oder eben jenes Missa est. Geschickt formte er daraus einen auch eigenständig aufführbaren Liederkreis auf Texte der Bibel wie von Annette von Droste-Hülshoff und Georg Trakl – wer hätte je gedacht, dass es der Oberexpressionist in die Messliturgie schaffen würde. Ruby Fulton ist mit ihrem Kyrie und Gloria amerikanisch-unkompliziert direkt an die Vorlagen herangegangen und schlägt sie die affirmative Seite an, die Neuer Musik oft zu fehlen scheint, wenn sie sich der Tradition annähert. Manfred Stahnke schrieb mit „Last Supper“ ein Orgelwerk, dass an Ligetis Volumina anknüpft und den Spagat vollführt, dessen Herangehensweise im engen Zeitfenster des liturgischen Ablaufs zu versuchen. Johannes X. Schachtner erweitert die chromatische Orgel um eine weitere vierteltönig verstimmte und kann so auf einer 24-tönigen Skala spielen. Er spiegelt bekannte Gesten und Topoi der Messliturgie mit seiner modernen Sichtweisen und eigenen früheren Messfragmenten und bringt somit hinterfragende wie affirmative Herangehensweisen zusammen. Obendrein verwaltet Johannes den Finanzverkehr des Festivals. Derweil das Ensemble meines Abends im fernen Hamburg probt, ich auf einen Technikstuff bauen kann und die Zeit z.B. für diesen Blog finde, probt Johannes mit den Musikern und Sängern seines Konzerts seit zwei Wochen und hat parallel dazu noch eine Dirigierverpflichtung in Bregenz am Vorarlberger Landestheater. Hier nun ein zwischen Tür und Angel erfolgtes Interview mit ihm, dass ich mit ihm gestern führte.

Ich: Du legst ein Multitasking an den Tag, wo mir älterem Manne ganz schwindlig wird?

Johannes: Bisher sehr gut. Das einzige Wichtige bei Tagen des erhöhten Multi-tasking, dass man alles schön hintereinander macht. Dann hat es nämlich eine durchaus sich gegenseitig befruchtende Wirkung. So wird eine Repertoirevorstellung eine höchst willkommene Abwechslung zu der Anspannung, die die Einstudierung von anspruchsvollen Uraufführungen mit sich bringt und Überweisungen (Johannes ist für die Festival-Finanzen zuständig. Anmerkung der Redaktion) werden zur meditativen Entspannungsübung – und dieses unerwartete Interview ersetzt, wie es eben passiert, die Gute-Nacht-Geschichte. Das alles geht natürlich nicht ohne ein tolles Team, das uns beide bestens unterstützt.

Ich: Am Mittwoch erschien bereits ein Vorbericht zu aDevantgarde in einer Münchener Zeitung, gleich unter einem Interview mit dem Staatsoperintendanten Nikolaus Bachler und einem seiner Sponsoren. Fühlt man sich angesichts solch einer zufälligen Reihung ein wenig wie ein Festspielintendant oder setzen wir bei aDevantgarde nicht eher auf das Kollegialprinzip?

Johannes: Das zeigt mir vorallem, dass wir doch in einer tollen Stadt sind und uns freuen können in so einem Umfeld auch irgendwo unseren Platz mit zeitgenössischer Musik zu haben. Absolutes Kollegialprinzip! Wir werden nicht eine 200 Mann Uraufführung auf die Beine stellen, die Staatsoper wiederum wird auch nicht an einem Wochenende 20 Uraufführungen herausbringen wollen.

Ich: Im besagtem gleichem Münchener Blatt stellte man nach Auswertung der Volksbefragung fest, dass in manchen bayerischen Gemeinden der konfessionsgebundene Feiertag zu Maria Himmelfahrt gefährdet sein könnte, da die Zahl der Katholiken genauso geringer ist wie die Gesamtbevölkerung Deutschlands (statt bisher 82 nur 80 Mio.). Wird man 2023 noch Maria Himmelfahrt in München feiern?

Johannes: In München sicher. Wenn das Wetter schön ist, ist das ja wahrscheinlich der Biergartentag schlechthin. Auch da wird es wieder um alle mögliche Interessen gehen. Maria hin oder her. Aber vielleicht täte es den Kirchen wirklich gut, wenn manche weltlichen Privilegien wegfielen und es im Falle dieses wertvollen Urlaubstages wieder etwas mehr Mühe kosten würde, die einem wichtigen Feste zu begehen.

Ich: Bist Du mit Deinem neuem Werk für die aDevantgarde zufrieden?

Johannes: Naja, nachdem ich das Werk gerade eher aus der Warte des Dirigenten sehe, weil ich ja gerade mitten in den Endproben bin, fällt es mir jetzt schwer, mit Abstand darauf zu schauen. Aber ich weiß noch, dass ich eigentlich schon zufrieden war, als die Noten gerade fertig waren. Insofern: ja.

Ich: Dein Stück heisst „Paralipomenon“. Was bedeutet das?

Johannes: Anhang. Ich wollte damit ausdrücken, dass man bei der Vertonung von Messteilen in jeder Sekunde mit der Historie konfrontiert ist. Dass also mein Sanctus, Benedictus, etc. nicht mehr und nicht weniger ist als eine weitere Vertonung in einer ganz lange Liste. Und jede Vertonung hat ihre Berechtigung, da sie eine Geschichte über ihren Autor und vor allem ihre Zeit erzählt. Für mich scheint die Geschichte schon fast vollkommen zu Ende erzählt, daher nenne ich mein Stück „Anhang“.

Ich: Du hast ja bereits einmal ein „Credo“ für Orgel und Orchester komponiert, jetzt Sanctus/Benedictus und Agnus Dei, früher schon mal ähnliches für Chor samt einem Kyrie. Wann rundest Du Deine bereits komponierten Teile der Messliturgie mit dem noch fehlendem Gloria ab? Oder ist dieses gesamte von Dir initiierte Konzert mit den Werken Deiner Kollegin Ruby Fulton und Kollegen Volker Nickel, Rudi Spring und Manfred Stahnke der vorläufige Abschluss dieser Auseinandersetzung?

Johannes: Ich denke erstmal ja. Das Gloria habe ich in meiner Komposition GLORIOLE abgehandelt, in der es um den Heiligenschein geht. Ich habe in diesem Werk genauso wie in meinem Credo aber ganz bewusst nicht den liturgischen Text vertont.

Ich: Gibt es etwas Besonderes, worauf das Publikum des Abschlusskonzerts hinhören soll?

Johannes: Bei mir ganz konkret: es gibt eine zweite Orgel, die um einen Viertelton versetzt gestimmt ist. Allgemein: die Musik beschäftigt sich mit einer sehr intimen Sache: dem Glauben. Ich denke, die unterschiedlichen Beiträge von Ruby und den anderen sagen eine Menge darüber aus, wie es ihre Komponisten damit halten. Seien Sie also das Gretchen!