Eine kleine Geschichte der aDevantgarde von Moritz Eggert

Beginnen soll dieses Blog mit dem Reprint eines kleinen historischen Abrisses des Festivals durch den langjährigen Leiter Moritz Eggert. Dieser Artikel ist auch auf der alten Homepage zu finden, hier die neue Homepage

Eine kleine Geschichte der ADEvantgarde von Moritz Eggert Eine kleine Geschichte der A*Devantgarde

In den späten 80er Jahren versammelte sich in Wilhelm Killmayers Kompositionsklasse in München ein nicht unverwegenes Häuflein von Komponisten. Da Killmayers sehr eigenwilliger Unterrichtsstil Neid- und Konkurrenzgefühle unterdrückte, verstanden wir uns alle – und das ist in Kompositionsklassen durchaus nicht häufig – auch privat sehr gut, was in den gemeinsamen Stunden eine positive und abenteuerlustige Atmosphäre schaffte. Wie viele junge Komponisten vor uns wollten wir alles anders machen, wussten aber noch nicht genau wie. Killmayer hatte schon in den vorhergehenden Jahren unermüdlich bei der Stadt München um Geld für junge Komponistenprojekte gebeten, was immerhin schon mal in einer richtig grossen Opernaufführung mündete. Zu diesem Zwecke hatte Killmayer ein schriftliches Konzept mit dem Titel „Junge Musik“ verfasst. Auch gab es ein musica-viva-Konzert, in dem wir als neue Schülergeneration zum ersten Mal wahrgenommen wurden. Doch Aufführungen waren rar, und uns allen war damals klar, daß wir nicht den „Darmstädter Weg“ gehen wollten, und unsere als heilig empfundenen Ideale verraten wollten. Die Musik, die uns interessierte, war in den sogenannten „etablierten Neue Musik“-Festivals kaum vertreten; was uns vor allem störte war die Tatsache, daß die dortigen Programme meist von Komponisten der älteren Generation gestaltet wurden, die eher die Bestätigung des schon Bekannten als neue Verunsicherungen suchten. In dieser frustrierenden Situation wurde die Gründung der Münchener Musiktheater-Biennale durch Hans Werner Henze als etwas sehr Befreiendes empfunden – hier war sie, die Vielgestaltigkeit, die wir uns wünschten, das Gefühl des Aufbruchs, nach dem wir uns sehnten. Aber: Es ging hauptsächlich um Oper, weniger um rein musikalische Ästhetik. Es fehlte also noch etwas…
Henze hatte sich einen von uns, Sandeep Bhagwati, als Assistenten für seinen Kurs „Laien komponieren“ auserkoren, der aufgrund von Henzes vielen Verpflichtungen hauptsächlich von Sandeep allein geleitet wurde. Hierdurch entstand ein bis heute wertvoller Kontakt zum Veranstaltungsort dieses Kurses, der Münchener Volkshochschule, und so konnte Sandeep eine Reihe von Kammerkonzerten anregen, die er „A*Devantgarde“ nannte, und die er gemeinsam mit Kollegen aus seiner Klasse, also uns, gestaltete. Diese Konzertreihe sollte eben diese andere „junge“ Musik präsentieren, die uns interessierte. Sandeep verfasste hierzu auch ein „Manifest der A*Devantgarde“ – ein bis heute äusserst kontroverses Dokument, das zu vielen Mißverständnissen bei Kritik und Publikum führte, gleichzeitig aber ein inniges und ehrliches Dokument unseres Willens war, eine Musik ohne Zwänge und Materialdiktat zu erforschen. Die Aufregung, die diese Idee bei manchem Kritiker und Kollegen bis heute erzeugt, hat uns letztlich immer bestätigt.
Die ersten A*Devantgardkonzerte fanden im Gasteig statt, der Heimat der Münchener Volkshochschule, im Carl-Orff-Saal und in der Black Box (später gab es auch Konzerte in der Musikhochschule). Schon früh experimentierte Sandeep mit Moderation, ausgefallener Beleuchtung und Performance-Elementen (unvergesslich nach wie vor z.B. die legendäre Aufführung von Atanasio Khyrshs „Laut und Furchtlos“, oder das Konzert „mit dem Gong“). Die Konzerte fanden einigen Zuspruch, und so regte ich, von Killmayers „Junge Musik“-Konzept wissend, an, die Stadt München um die Finanzierung eines ganzen Festivals zu bitten (der Etat der Volkshochschule war natürlich recht begrenzt). Wenn man die Schwierigkeiten von heutiger Kulturfinanzierung kennt, erstaunt es, wie leicht uns damals der Überredungsversuch fiel…das Kulturreferat war Feuer und Flamme – ein ganz wichtiger Startschuss! Plötzlich waren wir die Hüter eines ansehnlichen Etats! Ein Festivalprogramm also musste erstellt werden, und es war klar, daß dies eine gemeinsame Anstrengung der Killmayerschüler sein sollte (bei der uns Killmayer selber auch stark unterstützte). Zu diesem Zweck wurde der Verein „A*Devantgarde“ gegründet, der uns die Möglichkeit gab, gemeinnützig zu sein, und Spendenquittungen ausgeben zu können. Es gab finanzielle (Günter Bialas) und ideelle (Hans-Jürgen von Bose, der uns anbot, umsonst Programme auf der Strasse zu verteilen) Unterstützung, und wir fühlten uns wohl auf einer Woge positiver Resonanz. Das Programm des ersten Festivals (1991) war geradezu übervoll: Kammerorchesterkonzerte im Carl-Orff-Saal (mit Manfred Schreier und seinem damals jungen Ensemble, der uns grosszügige Konditionen anbot), mehrere Kammerkonzerte unterschiedlichsten Programms (u.a. mit einer Violinsonate des damals gerade erst volljährigen Jörg Widmann), ein Konzert „Neue Musik auf alten Instrumenten“, Neue Strassenmusik auf dem Marienplatz (vielleicht das erste und letzte Mal, daß Münchener Passanten angeregt wurden, zeitgenössische Kanons einzustudieren), „Neue Tafelmusik“ im Stadtmuseumscafé, eine Diskussion mit illustren Komponisten wie Helmut Lachenmann (der mir die verzweifelte Frage stellte, „haben Sie Angst vor Darmstadt, Herr Eggert?“), und ein bis heute sagenumwobenes Marathonkonzert in der Münchener Musikhochschule, das einen gigantischen Zulauf hatte, und 2 Opernuraufführungen (in Zusammenarbeit mit Cornel Franz und der jungen Regieschule) beinhaltete. Für eine dieser Opern („Der Jäger von Fall“, Musik Lutz Landwehr nach einem Libretto von Wilhelm Killmayer, Regie: Tilman Knabe) wurden 20 Fuhren Torferde auf der grossen Treppe des hinteren Lichthofs verteilt (und in einer einen Tag lang währenden Aktion vom gesamten A*Devantgarde-Team am „Tag danach“ wieder von dort weggeschippt). So positiv der Publikumszuspruch beim ersten Festival, so vernichtend waren viele Kritiken, in denen wir als Emporkömmlinge und Lilliputaner mit Fliegenklatsche beschimpft wurden. Das wir hier nicht aufgaben, ist vielleicht am meisten Wilhelm Killmayer zu verdanken, der uns beständig aus der Lethargie des Selbstmitleids riss. Und dem Wissen, daß all diese Aufregung nicht ohne Grund war, ja, daß wir etwas geschaffen hatten, was im positiven Sinne aufregend und anregend war und Diskussionen in Gang setzte – und das war immer unser Ziel gewesen. Mit dem ersten Festival waren die Strukturen des Festivals für die Zukunft umrissen worden: ein Termin im Juni, ein Stattfinden im 2-Jahres Turnus (alternierend mit der Münchener Biennale, und aufgrund der Tatsache, daß wir einen jährlichen Turnus organisatorisch nicht bewältigt hätten), allerdings mit beständig stattfindenden „Zwischenkonzerten“ im Jahr ohne Festival (die dann gelegentlich auch die Form eines „kleinen“ Festivals annahmen). Das 2. Festival (1993) brachte dann auch gleich einen weiteren Umbruch: war das erste Festival noch meist auf regionale junge Talente beschränkt gewesen, wollten wir nun auch international junge Komponisten ansprechen. Wir liessen uns stapelweise Partituren schicken, und schauten diese in Mammutsitzungen durch, getreu unserem wichtigsten Ideal, daß junge Komponisten junge Komponisten aussuchen sollten. Uns scherte es dabei überhaupt nicht, ob diese in irgendeiner Form etabliert waren oder nicht, was auch ein Risiko war, denn oft erwarteten die Konzertbesucher Programmer voller unbekannter Namen.
Ein unglücklicher Termin im Dezember (mit weihnachtlichem Publikumsschwund) und einige ungeschickte finanzielle Entscheidungen brachten A*Devantgarde in eine zweite Krise: das 2. Festival war noch grösser gewesen als das Erste, hatte aber auch einen grossen Verlust gemacht. Dies zwang uns, beim 3. Festival (1995) kürzer zu treten – da wir die teuren Saalmieten nicht zahlen konnten, fanden wir ein neues Heim im gerade erst gegründeten „Neuen Theater“, das uns mit modernster Licht-und Tontechnik allerdings auch ganz neue Möglichkeiten der „Konzertinszenierung“ gab. Das 3. Festival war trotz seiner „kleineren“ Umstände künstlerisch ein Fortschritt – wir waren erfahrener geworden, und das resultierte in konziseren und weniger „wildwüchsigen“ Konzertprogrammen. Einige von uns waren durch verschiedenerlei Stipendien und Kontakte viel im Ausland herumgekommen, was sich in einigen interessanten musikalischen Entdeckungen niederschlug (zum Beispiel brachten wir eine der ersten deutschen Aufführungen von Claude Viviers Musik). Das 3. Festival war eine notwendige Verkleinerung, aber auch ein Neuanfang, denn von hier an ging es wieder aufwärts. Auch die Kritik nahm uns langsam immer ernster – man merkte, daß wir nicht so schnell aufgaben, es mußte also etwas dran sein!
Das 4. Festival (1997) war vom Konzept her sehr ähnlich: Hauptveranstaltungsort war das Neue Theater, die Bayerische Akademie war zum treuen Partner für reine Kammerkonzerte ohne szenischen Anteil geworden. Auch der Publikumszuspruch wuchs beträchtlich, und es gab endlich wieder ein richtiges Programmheft (das beim 3. Festival dem Etat zum Opfer gefallen war). Neu war auch die Integration junger Kollegen aus der Klasse von Hans-Jürgen von Bose (der Nachfolger von Killmayer an der Musikhochschule geworden war) und der Würzburger Klasse von Heinz Winbeck. Denn die ursprünglichen Gründer von A*Devantgarde waren ja schon allesamt mit dem Studium fertig, und man wollte den Kontakt zum jungen Nachwuchs beibehalten. 
Immer mehr kristallierte sich auch eine „demokratische“ Festivalleitung heraus – man wollte keinen einzigen „Chef“, sondern eine offene Diskussion aller Vorschläge in der Gruppe. Manchmal war dies ein mühsamer, doch ein stets lohnender Prozess – auch dies sicherlich ein sehr seltener Ansatz in der Festivallandschaft. Nach wie vor verdiente keiner von uns Geld mit dieser Organisationsarbeit, aber das war auch nicht der Sinn der Sache… Auch das 5. (1999) und 6. Festival (2001) brachten ständige Verfeinerungen mit sich. So wurde das Konzept der „Konzertmacher“ eingeführt (eine Person ist jeweils für eines der ca. 7 Konzerte organisatorisch alleinverantwortlich, was die Verständigung erleichterte). Auch wurden zunehmend Konzerte auch überregional wiederholt, wodurch der Name „A*Devantgarde“ zu einem bekannten Begriff in der Neuen Musik-Szene geworden ist. Immer zahlreicher werden seitdem auch die unaufgeforderten Einsendungen von Partituren und Konzertideen, denen wir, wo immer möglich, nachgehen.
Das 7. Festival (2003) wird einen neuen Umbruch markieren: A*Devantgarde soll wieder grösser werden (das Ideal wäre der Umfang des ersten Festivals). Da dies mit dem nicht grösser gewordenen Grundetat von der Stadt München nicht mehr zu erreichen ist, sollen bewußt mehr Sponsoren angesprochen werden, als dies bisher geschah. Es wird ein richtiges „Büro“ geben, daß als Ansprechstelle mehr funktioniert als die bisherige Aufteilung auf alle Beteiligten. Wenn man die Konzepte für A*Devantgarde 7 betrachtet, bemerkt man Projekte, die nicht mehr allein auf München begrenzt sind, auch werden mehr Koproduktionen als bisher angestrebt. Neu in dieser ausschliesslichen Form ist das Thema Tanz und Video, und zum ersten Mal seit dem ersten Festival wird es wieder eine grössere Opernproduktion in Zusammenarbeit mit der Theaterakademie geben. Die Ideale der Anfangszeit sind jedoch dieselben: es geht um junge Musik junger Komponisten (gelegentliche Ausflüge in die Regionen der älteren Vorbilder nicht ausgeschlossen). Wir suchen nach wie vor das Offene, Frische, Unverquälte, eben das, was sich noch im Zustand des Unkategorisierten befindet, und daher am Anregendsten ist. Daher wird A*Devantgarde auch in Zukunft ein Ausblick auf die Möglichkeiten Neuer Musik sein, mit dem steten Augenmerk auf das, was einen Anfang, keinen Endpunkt setzt. Wir freuen uns gemeinsam mit Ihnen darauf, auch im Jahre 2003 diese musikalischen Welten zu erforschen.
Ach ja, Sie werden wieder fragen, was der Name „A*Devantgarde“ soll: es ist eine Mischung aus „avant“ und „dévant“, also französisch für zeitlich UND räumlich „voran“. Wenn Sie also, wie viele, „DeAvantgarde“ sagen, ist das auch nicht so schlimm.
Alles klar? Gut – dann können wir….beginnen.
Denn der Anfang ist zwar schwer, aber letztlich am Schönsten! Moritz Eggert, Lyon, 29.8.2002